Nun geht auch einer der profiliertesten deutschen Forstexperten den Jägern an den Kragen. Er zielt aber nicht nur neidig auf deren Privilegien, sondern zeigt praxisnah die dramatischen Folgen der "Hege- und Trophäenjagd" für den Zustand unserer Wälder. Die viel zu hohe Wildpopulation wird gezielt hochgefüttert, damit sich die Waidmänner die prächtigsten Trophäenträger zum Abschießen aussuchen können.
Der 83-jährige frühere hohe deutsche Forstbeamte Georg Meister zeigt in seinem Umweltkrimi ziemlich schlüssig auf, wie in vielen Wäldern aufgrund enormer Verbiss- und Schälschäden kaum noch Bäume von selbst nachwachsen können. Die Schutzfunktionen des Waldes erlahmen; Lawinen- und Hochwasserkatastrophen häufen sich. Meister beschuldigt die "Jägerlobby", diese Folgen aus Eigennutz bewusst zu ignorieren und sogar systematisch Gesetze zu unterlaufen.
Hauptproblem Wildverbiss
"Geo"-Umweltjournalist Claus-Peter Lieckfeld porträtiert in dem spannenden Werk den mehrfach ausgezeichneten, politisch stets unbequemen Georg Meister. Der 1929 in eine bayerische Förster- und Jägerfamilie Geborene frönte in jungen Jahren traditioneller "Trophäenjagd" und wurde Forstbeamter. Angesichts immer deutlicherer Wildschäden an Bäumen begann er mit vergleichenden Wald-Studien in ganz Deutschland und avancierte bald zum größten Mahner der deutschen Forstgeschichte, der dabei oft seine Beamten-Karriere aufs Spiel setzte. Das Buch holt weit aus: Es beschreibt die Hochblüte der Hegejagd unter "Reichsjägermeister" Hermann Göring. Nach dem Krieg galt es, möglichst schnell viel Holz zu produzieren, also pflanzte man großflächig schnell wachsende Fichten. Mit allen Negativ-Folgen von Monokulturen, nämlich erhöhter Krankheits- und Sturmanfälligkeit der Bäume. Und einem weitgehenden Verschwinden anderer Baum- und Pflanzenarten in den von harzigen Fichten-Nadeln verstopften Böden.
In den 1980er-Jahren ortete man schließlich panisch "Waldsterben". Die folgende Entschwefelung der Auto- und Industrieabgase verbesserte zwar die Atemluft, löste aber das Hauptproblem nicht: den zunehmenden Wildverbiss im Wald. Die Jägerschaft hatte in unseren Breiten spätestens Ende des 19. Jahrhunderts alles "Raubzeug" wie Bär, Wolf, Luchs und viele Greifvogelarten rigoros ausgerottet und tut das teilweise bis heute. Das aller natürlichen Feinde entledigte Wild kann sich seither ungehemmt vermehren.
Die Trophäe zählt
Aufgabe der Jäger wäre es also, regulierend einzugreifen und den Wildbestand auf naturverträglichem Niveau zu halten, sprich überzählige Jungtiere abzuschießen. Aber die haben ja noch kein Geweih. Also bleiben sie am Leben. Denn bei der "Hegejagd", der vom Jäger gesteuerten "Aufzucht" von Reh-, Gams- und Rotwild, geht es allein um die Trophäenbeute. Deshalb wird das Wild sogar durch den Winter gefüttert und wächst so lange heran, bis es "abschusswert" ist, also ein möglichst stattliches Geweih trägt.
Das Problem dabei: Ein kapitaler Hirsch benötigt einen "Unterbau" von etwa 70 jüngeren Tieren. Und laut Meister schafft es die Jägerlobby bis heute, sogar ausgewiesene Naturschützer mit der Einladung auf einen "Kapitalen" auf ihre Seite zu ziehen.
Die Rechnung zahlen wir alle. Denn die für Generationen kaputten Wälder gehören großteils ebenso dem "Staat" wie die immensen Kosten für Lawinen- und Hochwasserschutzbauten.
Sachbuch
Tatort Wald.
Georg Meister und sein Kampf für unsere Wälder.
Claus-Peter Lieckfeld
Westend, 272 Seiten, 23,70 Euro