• vom 22.06.2012, 12:00 Uhr

Natur


Wiener Journal

Holzfäller und Baumeister




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Von Christina Mondolfo

  • Zu Gesicht bekommt man ihn nur selten, denn er ist ein äußerst scheuer Zeitgenosse, der die Gesellschaft von Menschen nicht besonders schätzt. Dennoch hat der Biber gelernt, sich sogar in Wien mit ihnen zu arrangieren.

- © Leopold Kanzler, www.fotopirsch.at

© Leopold Kanzler, www.fotopirsch.at

Biber sind wahre Großmeister im Fällen von Bäumen und der Gestaltung von kunstvollen Burgen und Bauen, doch anstatt ihnen dafür Respekt und Bewunderung zu zollen, war der Mensch stets hinter ihrem Pelz, ihrem Fleisch und einem moschusartigen Öl, dem "Castoreum" oder "Bibergeil", das die Tiere zum Einfetten ihres Fells und zum Markieren ihres Reviers benutzen, her. Die rege Nachfrage führte schließlich dazu, dass 1863 der letzte Biber in Österreich sein Leben lassen musste. Erst rund 100 Jahre später wurde der große Nager in den Donauauen wieder angesiedelt, von wo er seinen stillen Siegeszug bis nach Tirol und Kärnten startete - und auch in Wien landete. Hier konnte er allerdings nur an Stellen siedeln, wo die Ufer flach, unverbaut und naturnah gestaltet waren - was für den Donaukanal kaum zutrifft. Dennoch haben sich auch hier einige Pärchen niedergelassen, für die sich die MA 49, das Wiener Forstamt, mächtig ins Zeug geworfen hat, um ihnen bessere Bedingungen zu bieten und dafür sogar die Steinwürfe am Ufer gelockert oder entfernt hat.

"Vor vier Jahren haben wir erstmals die Anwesenheit von Bibern an bestimmten Stellen am Donaukanal bemerkt, nämlich da, wo die Hochwasserverbauung nicht so radikal ist und wo es viele Bäume gibt", erklärt Forstamtsdirektor Andreas Januskovecz im Gespräch mit dem "Wiener Journal". "Doch als die Menschen Bissspuren und gefällte Bäume entdeckten, war es bei vielen mit der Biberliebe gleich wieder vorbei. Dabei passiert das eh nur im Spätherbst und zeitig im Frühjahr, wenn es noch kein anderes Grün gibt. Denn Biber fressen hauptsächlich Gras und krautiges Grünzeug, Bäume fällen sie nur, wenn es sonst nichts gibt. Von denen wiederum schätzen sie die junge, weiche Rinde und die Knospen - und weil das alles nun einmal in der Höhe ist und Biber nicht klettern können, kappen sie eben den Baum."

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Wenn dieser den Schiffsverkehr nicht stört (was aber vor allem auf dem Donaukanal mitunter ein Problem darstellt) und auch sonst niemanden gefährdet, darf er liegen bleiben, ansonsten wird er entfernt: "Grundsätzlich nagen Biber die Bäume zwar so an, dass sie ins Wasser fallen, aber es gibt auch Ausnahmen", weiß Januskovecz. Das Gehölz entlang des Wassers nehme grundsätzlich keinen Schaden, da Biber Weiden und Pappeln bevorzugen - weiche Hölzer, die rasch wieder nachwachsen. "Und außerdem müssten wir im Rahmen des Hochwasserschutzes sowieso immer wieder entlang der Ufer fällen und säubern, also hilft uns der Biber sogar gewissermaßen." Ist allerdings nur wenig Futter vorhanden, sucht sich der scheue Nager schon auch einmal ein Ziergehölz oder einen Obstbaum in einem Garten. "Gittermanschetten rund um den Baumstamm helfen aber gegen Verbiss", hat Januskovecz einen einfach umzusetzenden Rat parat. Fischteichbesitzer müssen sich jedenfalls keine Sorgen machen - auf Fisch steht der Biber nämlich überhaupt nicht.

Nicht zu unterschätzen

Der Forstamtsdirektor gibt allerdings zu bedenken, dass man den pummeligen Nager nicht unterschätzen sollte: Die Tiere können bis zu 1,30 Meter lang und im besten Fall bis zu 40 Kilogramm schwer werden - und sie sind schnell. Fühlen sie sich bedroht, gehen sie rasch zum Angriff über. Dass sie dabei ihren wie eine Kelle geformten Schwanz als Waffe einsetzen, bezweifelt Rosemarie Parz-Gollner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft an der Universität für Bodenkultur in Wien und Biberspezialistin, allerdings: "Dass ein Biber mit seinem Schwanz einem Hund das Genick bricht, halte ich für ein Gerücht, das ist ja kein Tennisschläger und außerdem müsste er sich dafür umdrehen - wodurch der Biber, der sowieso schon schlecht sieht, seinen Angreifer noch viel weniger im Auge behalten könnte. Aber er hat äußerst scharfe Zähne und die benutzt er auch!" Deswegen rät sie, Bibern nicht zu nahe zu kommen und Hunde in Bibergebieten an die Leine zu nehmen. Allerdings bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel: "Leute haben uns von einem Biber am Marchfeldkanal erzählt, der mitten am Tag seelenruhig in einer Wiese gesessen ist und sich phlegmatisch von einer ihn umkreisenden Katze bestaunen ließ. Aber wie gesagt, Biber sind keine Kuscheltiere, sie werden schnell aggressiv und greifen dann an", rät sie zur Vorsicht.

Schwierige Kartierung

Parz-Gollner beschäftigt sich schon seit geraumer Zeit mit den Bibern in Wien und Umgebung und steht kurz davor, ein Kartierungsprojekt abzuschließen. Das Zählen der Individuen kommt als Methode dabei allerdings nicht in Frage: "Die Biber sind viel zu scheu und verlassen ihre Baue meist nur abends, wir zählen daher ihre Spuren, vor allem Nagespuren und Reviermarkierungen in Form von Duftmarken. In der vegetationsfreien Zeit machen wir uns mit GPS auf die Suche nach ihren Bauen." Je nach Futterangebot sind die Reviere unterschiedlich groß, das heißt je mehr Futter, desto kleiner das Revier. Es wird aber grundsätzlich nur von einer Familie bewohnt - wobei die ein Leben lang monogamen Bibereltern die Jungen mit etwa zwei Jahren aus dem Bau werfen. "Das ist der zweite Abschnitt im Leben eines Bibers, der tatsächlich lebensgefährlich ist. Der erste ist die Umstellung von Muttermilch auf feste Nahrung, das schaffen etliche nicht. Mit dem Rausschmiss aus dem elterlichen Bau müssen die Jungbiber eigene Reviere suchen - und wenn sie da in ein bereits besetztes kommen, werden sie verbissen und das endet oft tödlich. Es gibt eben kein Stockbett im Revier", erklärt Parz-Gollner. Natürliche Feinde hat er außer dem Menschen und anderen Bibern keine: "Selbst da, wo Bären und Wölfe leben, hat das keinen Einfluss auf die Biberpopulationen. Sie haben ein natürliches Regulativ, also die Sterblichkeitsrate bei Jungtieren durch die Nahrungsumstellung, durch Hochwässer oder Revierkämpfe und suboptimale Standorte - da kann der Biber keine Familie etablieren. Dabei hält dieser Nager erstaunlich viel aus, sogar schlechte Wasserqualität. Allerdings könnte das eventuell seine Lebenserwartung verkürzen."

Deutlicher Biber-Verbiss an einem mächtigen Baum.

Deutlicher Biber-Verbiss an einem mächtigen Baum.© MA49 Deutlicher Biber-Verbiss an einem mächtigen Baum.© MA49

So sieht er ja sehr gemütlich aus, doch der Biber kann schnell aggressiv werden.

So sieht er ja sehr gemütlich aus, doch der Biber kann schnell aggressiv werden.© MA49 So sieht er ja sehr gemütlich aus, doch der Biber kann schnell aggressiv werden.© MA49

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Schlagwörter

Wiener Journal, Fauna, Natur

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-06-21 13:11:08
Letzte Änderung am 2012-06-22 11:50:18



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