• vom 06.07.2012, 16:00 Uhr

Natur

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Der Vogel Hoatzin gelangte als blinder Passagier auf riesigen Flößen über den Atlantik nach Südamerika

Evolution auf schwimmender Insel


Von Roland Knauer

  • Der Vegetarier unter den Vögeln ist zu schwer, um sportlich fliegen zu können.

Die Inseln der Uru schwimmen mitsamt den Menschen auf dem Titicaca-See in Südamerika. Auf solchen Inseln soll der Hoatzin den Atlantik überquert haben. R. Knauer, Edson Endrigo - © Roland Knauer

Die Inseln der Uru schwimmen mitsamt den Menschen auf dem Titicaca-See in Südamerika. Auf solchen Inseln soll der Hoatzin den Atlantik überquert haben. R. Knauer, Edson Endrigo © Roland Knauer

Elegant wirkt er nicht: Weil ihm das Hüpfen und Laufen im Geäst des Amazonasbeckens schwer fällt, kriecht der "Hoatzin" genannte Vogel von der Größe eines Haushuhns durch die Bäume. Mit seinen Flugkünsten ist es nicht weit her: Nach ein paar 100 Metern Luftweg landet er wieder. Und doch sollen seine Vorfahren von Afrika aus den Atlantik überquert haben. Die abenteuerliche Überquerung ist allerdings Jahrmillionen her, schließen Gerald Mayr vom Forschungsinstitut Senckenberg und seine Kollegen aus versteinerten Knochen von Vögeln, die im Südosten Brasiliens und in Namibia gefunden wurden.

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"Beide Arten sind erstaunlich eng mit heute lebenden Hoatzins verwandt", sagt Mayr. Sowohl der 23 Millionen Jahre alte Oberarmknochen-Fund eines Hoatzin-Verwandten aus Brasilien als auch der 17 Millionen Jahre alte Oberarmknochen-Fund aus Namibia sind fast identisch mit den Flügelknochen der heute im Amazonas lebenden Art Opisthocomus hoazin.

Geheimnisvolle Reise
Die bescheidene Manövrierfähigkeit der Hoatzin-Vögel hängt mit deren Ernährung zusammen: Sie fressen praktisch nur Grünzeug. Vor allem Blätter wandern in den Schnabel, dazu kommen geringe Mengen an Blüten und Früchten.

Vegetarier sind in der Vogelwelt ziemlich einmalig, denn viele Blätter sind giftig und schwer zu verdauen. Ähnlich wie ein Rind, das gefressenes Gras im Bauch behält, schleppt ein Hoatzin Nahrung mit sich herum, was ihn schwerer macht als andere Vögel seiner Größe, die sich von schnell verdaulichen, energiereichen Insekten ernähren. Um das Grünzeug verwerten zu können, hat der Hoatzin einen großen Kropf. Dort leben Bakterien, die den Organismus beim Zersetzen der Blätter unterstützen. Ein ähnliches System haben bei Säugetieren die Wiederkäuer entwickelt. Bei ihnen sitzt vor dem Magen der Pansen, in dem Bakterien Gräser vergären. Ornithologen kennen die Verdauung im Kropf nur beim Hoatzin. Zusammen mit der Speiseröhre ist er 50 Mal größer als der Magen. "Dadurch verändert sich das Brustbein", erklärt Mayr: "Die Flugmuskeln können schlechter ansetzen."

Lebende Hoatzins kennen die Wissenschafter nur aus Südamerika. Die 17 Millionen Jahre alten Knochen aus Namibia hatten sie bisher kranichartigen Vögeln zugerechnet. Erst genetische Analysen identifizierten sie als Hoatzin-Verwandte. Wenn eng verwandte Arten einer so einzigartigen Vogelgruppe aber auf zwei Kontinenten leben, die seit 100 Millionen Jahren getrennt sind, müssen die Tiere über das Meer gekommen sein. Den Forschern zufolge entwickelten sich die Hoatzins entweder in Südamerika oder in Afrika und Asien, sie schließen eine parallele Entwicklung aus. Doch selbst Spechte oder Papageien, die sportlicher fliegen, schaffen es kaum über 1000 Kilometer Wasser.

Auf die Spur der geheimnisvollen Atlantikpassage kamen die Forscher, als sie sich mit "schwimmenden Inseln" befassten. Die Menschen des Uru-Volkes flechten aus Schilf 10.000 Quadratmeter große Inseln, die auf dem Titicaca-See in Südamerika schwimmen. Auf ihnen bauen sie Häuser und legen Felder an. Auf natürlichem Weg entstanden vergleichbare Inseln auf den Arberseen im Bayerischen Wald, als sich verfilzte Moorflächen vom Ufer lösten und seither auf den Seen schwimmen. Und in den Tropen bilden sie sich an großen Flüssen, wenn Unwetter Pflanzenmassen von den Ufern abreißen. Die Inseln landen schließlich im Meer und werden von den Strömungen weitergetragen.

Den Forschern zufolge könnten die natürlichen Riesenflöße vor 20 oder 30 Millionen Jahren in nur drei Wochen von Afrika nach Südamerika getrieben sein. Ähnlich wie die Affen oder die Stachelschweine, die Eltern der heutigen Neuweltaffen und Meerschweinchen in Südamerika, könnte die pflanzenfressende Hoatzin-Verwandtschaft die Passage gut überlebt haben - schließlich gab es auf der Insel genug Nahrung. "Wenn sie einmal auf der Insel sind, werden die schlechten Flieger sie kaum wieder verlassen", so Mayr.

Da die Strömungen ein schwimmendes Floß zwar von Afrika nach Südamerika, aber nicht in die umgekehrte Richtung tragen können, sollen Hoatzins aus Afrika oder Asien als blinde Passagiere nach Südamerika gereist sein.




Schlagwörter

Natur, Evolution, Vögel, Tiere

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Dokument erstellt am 2012-07-06 16:29:07


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