"Wiener Zeitung":Sie erarbeiten unter anderem Risikoanalysen für Versicherungen und haben täglich mit der Quantifizierung von Katastrophen zu tun. Wo fängt eine Katastrophe bei Ihnen an?

Gordon Woo: Eine Katastrophe kann jedes Ereignis sein, das ernste Konsequenzen für die Menschheit hat, und kann sich in allen Bereichen ereignen: Es gibt ökonomische, politische, ökologisch oder gesundheitliche Katastrophen. Wir haben ja gerade eine finanzielle Katastrophe erlebt, die in der Wirtschaftskrise gemündet ist. Wesentlich an Katastrophen ist, dass nach den Schreckensereignissen ein Abwärtstrend eintritt: hohe finanzielle Verluste zum Beispiel oder - tragischer noch - der Tod vieler Menschen.
Durch den Klimawandel nehmen extreme Wetterereignisse zu. Werden Katastrophen in Zukunft häufiger vorkommen?
Ja, tatsächlich müssen wir insbesondere im Zusammenhang mit dem Klimawandel davon ausgehen, dass es mehr Dürren, Fluten und Ähnliches gibt und damit auch Katastrophen, die sehr viele Menschen betreffen. Es wird außerdem zu verstärkter Migration kommen, zugleich steigt die Weltbevölkerung, immer mehr Menschen werden in Risikogebieten leben. Die Millionen-Städte werden ebenfalls anwachsen und damit vielleicht bisher unbekannte Risiken produzieren.
Haben sich die Katastrophenmodelle darauf eingestellt?
In der Risikoforschung ist man bereits sehr lange zu einer probabilistischen Sicht übergegangen. Die Worst-Case-Szenarien sind inzwischen passé. An ihre Stelle ist die Berechnung der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses getreten, da es nicht möglich ist, zu sagen, wie schwer das schwerste Erdbeben ist. Sobald ein größeres Erdbeben eintritt, hat man ein Problem. Wir arbeiten mit Nichtwissen und Unsicherheit - das ist sicherer.
Beim Europäischen Forum Alpbach werden Sie sich in Ihrem Seminar auch mit den Parallelen von menschengemachten und natürlichen Katastrophen beschäftigen. Was haben Finanzkrisen und Vulkanausbrüche miteinander gemein?

Gerade diese beiden Arten von Katastrophen haben sehr viel miteinander zu tun. Beide entstehen, wenn sich genügend Druck aufgebaut hat: entweder im Vulkan oder auf bestimmten Märkten. Der Druck baut sich langsam auf, bis er zu groß wird und es zu einer plötzlichen Entladung kommt. Bei einer Finanzkrise baut sich langsam eine Blase auf, die durch inflationäre Preise aufgeblasen wird - etwa Immobilienpreise oder Börsenspekulationen. Man sieht die Preise steigen, bis es nicht weiter geht. Der Druck wird dann durch den kompletten Zusammenbruch der Preise plötzlich abgebaut. Das Risiko von Finanzkrisen kann man minimieren, wenn man lernt, diese Zeichen zu sehen.
Hätte man die Finanzkrise verhindern können?
Die Finanzspekulation wurde hauptsächlich durch Gier und Angst erst so katastrophal. Die Gier ließ die Preise steigen, die Angst führte zu den plötzlichen Verkäufen und dem Zusammenbruch der Blase. Man muss entsprechende Marktregulierungen treffen, die in der Lage sind, die Folgen von Angst und Gier zu minimieren, denn beide gehören zur menschlichen Natur.
Sie sind auch ein gefragter Analyst, wenn es um politische Risiken geht. Bei politischen Umbrüchen oder bei terroristischen Gefahren scheinen mir Risiken weniger leicht kalkulierbar zu sein. Wie gehen Sie damit um?
Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 habe ich an einer Quantifizierung terroristischer Risiken gearbeitet. Wichtig dabei ist, die Schlüsselprinzipien zu verstehen: Auch Terroristen gehen den Weg des geringsten Widerstands - dieses Prinzip gilt für die gesamte natürliche Ordnung. Wasser fließt um Steine herum, nicht durch sie hindurch. Auf den Terrorismus übertragen heißt dies, dass leicht zugängliche Waffen, Kommunikationsformen und Ziele gewählt werden.
Ist eine Welt ohne Katastrophen denkbar?
Die Wahrscheinlichkeit ist nicht sehr groß. Aber auch wenn es keine absolute Sicherheit gibt, kann man viel tun, um Risiken zu minimieren.