Tierethik ist ein ziemlich junges Gebiet, erst vor 40 Jahren legte der australische Philosoph und Bioethiker Peter Singer mit seinem Buch "Animal Liberation" den Grundstein für die bewusste ethische Auseinandersetzung des Menschen mit dem Tier. Doch warum muss es überhaupt einen eigenen Teilbereich der Ethik für Tiere geben, sollte ethisches Verhalten nicht für alle und gegenüber allen Lebewesen gelten?
Herwig Grimm, Professor für Ethik der Mensch-Tier-Beziehung am Messerli Forschungsinstitut der Veterinärmedizinischen Universität Wien, sieht den Ursprung der ethischen Beschäftigung mit dem Tier schon viel früher: "Für mich ist in Hinsicht auf die Beschäftigung mit Tieren in normativer, moralischer Hinsicht Jeremy Bentham der zentrale Autor. Er schrieb in seinem Werk The Principles of Morals and Legislation den bedeutsamen Satz the question is not wether they can reason nor can they talk but can they suffer (die Frage ist nicht, ob sie vernünftig urteilen oder reden, sondern ob sie leiden können). Das Bedeutsamste daran ist aber, dass Bentham diesen Satz im Jahr 1789 geschrieben hat, in dem bekanntlich die Französische Revolution stattfand. Er hatte erkannt, dass Menschen grundsätzliche Rechte hatten und man niemanden aufgrund seiner Hautfarbe oder seines sozialen Status benachteiligen dürfe. Dieses gesellschaftliche Umdenken, so hoffte er, sollte - zumindest eines Tages - auch die Tiere einschließen. Denn ihre Leidensfähigkeit hielt er für unumstritten: Was die Welt in moralischer Hinsicht bestimmt, sind Freude und Leid. Allein mit diesem Kriterium kann er Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier ausweisen und die Tiere damit in die moralische Gemeinschaft der Schutzbefohlenen hereinholen."
Genau diese Leidensfähigkeit brachte aber zum Beispiel Singer herbe Kritik ein, man warf ihm vor, dass er, indem er Tieren moralischen Schutz angedeihen lasse, Menschenrechte abwerten würde, um ein Gleichgewicht der Werte herzustellen. Grimm: "Baut man nur auf der Leidensfähigkeit auf, muss man sich die Frage stellen, ob Embryos, demente Menschen oder Wachkomatöse auch leiden können. Doch Singer will die Menschen nicht auf ein niedrigeres, sondern die Tiere auf ein höheres Niveau bringen."
Ist der Mensch ein Tier?
Doch was macht den Mensch zum Menschen, was unterscheidet ihn vom Tier - eine Frage, der auch das Philosphicum Lech, das am vergangenen Wochenende stattgefunden hat, nachgegangen ist. Der philosophisch-anthropologischen Grundfrage hat sich bereits Aristoteles gewidmet und den Mensch als "politisches Tier" bezeichnet. Für Peter Singer ist der Mensch im biologischen Sinn ein Tier. Herwig Grimm sieht den Mensch als Tier plus X, wobei X für Eigenschaften wie politisch, moralisch oder selbstbewusst stehen kann. Auch Tiere haben Eigenschaften, wobei ihnen diese vom Mensch zugeschrieben werden, Eigenschaften wie Stärke, Kraft, Mut oder Treue, aber auch Verschlagenheit, Gier oder Gewalt: "Tiere fungieren in der Geschichte als Reflexionsfolie dessen, was wir selbst sind. Sie stehen uns nicht nur emotional nahe, sondern wir machen an ihnen auch unsere Kulturleistungen fest. Und viele Tiere stehen schon längst nicht mehr für das Wilde und Fremde, sie sind vielfach zu Familienmitgliedern geworden oder übernehmen sogar deren Rollen. Doch die Anwendung antropomorpher Konzepte auf Tiere hat auch negative Seiten, denn diese Art von Verantwortung, die man den Tieren da überträgt, kann sie mental überfordern und/oder gesundheitliche Folgen haben. Als Beispiel kann man den Mops nehmen, der durch die immer stärkere Ausprägung des Kindchenschemas Atem- und Augenprobleme hat." Grimm spielt hier auf das Thema Qualzucht an, das besonders bei Hunden immer größere Ausmaße annimmt und bei verantwortungsvollen Züchtern, Hundeliebhabern und Tierschützern auf immer heftigere Gegenwehr stößt.
"Genau da steigt der Tierethiker ein", betont Grimm. "Er ist ja keine Instanz, die entscheidet, was richtig und was falsch ist. Ich als Tierethiker verstehe mich als jemand, der gesellschaftliche Entwicklungsprozesse unterstützt und der moralphilosophisch informiert. Gehe ich wiederum von Bentham aus, dann muss ich mich fragen, ob der Mops leidet. Das tut er zweifellos, aber in der Folge kann ich auch hier nur eine Empfehlung abgeben, ob es dafür eine Rechtfertigung geben kann oder ob das abgestellt gehört."
Wenn der Tierethiker also nicht entscheidet, muss es dann der Einzelne tun? Das bejaht Grimm, ohne zu zögern, weist jedoch darauf hin, dass es natürlich Menschen gibt, die für andere entscheiden wie etwa Politiker. "Die Verantwortung von Tierhaltern oder Konsumenten ist allerdings ein unterschätztes Gut, was sich zum Beispiel deutlich bei der Nutztierhaltung zeigt", stellt er fest. "Während die Landwirtschaft den Konsumenten den Schwarzen Peter zuschiebt, indem sie sagt, dass die Bauern anders produzieren würden, wenn die Konsumenten den Preis dafür bezahlten, wollen Letztere, dass die Bauern endlich ihre Art der Tierhaltung umstellen, dann würde man das natürlich entsprechend finanziell abgelten. Doch wenn man Bürger immer nur als Konsumenten beschreibt, darf man sich nicht wundern, wenn sie irgendwann das für sie Günstigste, das dann oft das Billigste ist, kaufen. Und wenn ihnen auf den Verpackungen die heile Tierwelt verkauft wird, warum sollten sich die Konsumenten gegen dieses Produkt entscheiden?" Grimm sieht die einzige und effektivste Möglichkeit, gegen diese Entwicklung zu arbeiten, in der Stärkung der bürgerschaftlichen, individuellen Verantwortung.
