• vom 11.03.2015, 16:27 Uhr

Natur


Neobiota

Die Globalisierung der Natur




  • Artikel
  • Lesenswert (4)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Roland Knauer

  • Tiere und Pflanzen aus fremden Regionen bringen bisweilen Probleme.

Ragweed (Beifuß-Ambrosie) löst Allergien aus.

Ragweed (Beifuß-Ambrosie) löst Allergien aus.© wikimedia/Kenraiz Ragweed (Beifuß-Ambrosie) löst Allergien aus.© wikimedia/Kenraiz

Berlin. Wenn sich schon im Juli und August die Blätter der Kastanienbäume braun färben und abfallen, gefährdet die Kastanienminiermotte die deutsche "Biergartenkultur". In den 1990er Jahren wurden Larven dieses Schädlings nach Bayern eingeschleppt, inzwischen knabbern sie in weiten Teilen Mitteleuropas an den Kastanienblättern. Auf Dauer könnten die geschwächten Bäume absterben und einst schattige Biergärten in der prallen Sonne liegen. Noch haben freilich fast alle betroffenen Kastanien im Frühjahr wieder ausgeschlagen und so die Biergartensaison zumindest bis zum Hochsommer gesichert.

Vermutlich kommt der Schädling aus Asien, in Europa wurde er zum ersten Mal am Ohrid-See zwischen Albanien und Mazedonien beobachtet. Genau aus dieser Region aber stammt auch die Rosskastanie, natürliche Kastanienwälder gibt es heute noch in Albanien und Bulgarien. Im 16. Jahrhundert holten Brauereien diese Bäume nach Deutschland, um sie über die kühlen Felsenkeller zu pflanzen, in denen das Bier für die warme Jahreszeit gelagert wurde. Die flachen Wurzeln der Kastanie gefährden die Kellerdecke nicht, das dichte Laub schirmt die pralle Sonne ab - und in diesem Schatten lässt sich das Bier auch gut trinken. So schadet also der Eindringling Kastanienminiermotte mit der Rosskastanie einem anderen Eindringling. Beide gehören nicht zur Natur in Mitteleuropa, einer von ihnen ist hierzulande aber hochwillkommen, weil er die Biergartenkultur ermöglicht, der andere dagegen gilt als Schädling und gefährlich.


Es gibt viele solcher Eindringlinge, die bisweilen mit einem Schulterzucken abgetan, bisweilen eifrig bekämpft und bisweilen auch freudig begrüßt werden: Sie kommen mit Holzlieferungen und in Blumentöpfen, verbergen sich in Containern und im Urlaubsgepäck. Ein Heer von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen reist jeden Tag als blinde Passagiere mit Schiffen und Flugzeugen um die Welt. Begonnen hat dieser Trend schon mit Christoph Kolumbus. Als der Entdecker 1492 Richtung Amerika in See stach, legte er den Grundstein für weltweite Handelswege - und für die Globalisierung der Natur. Hatten zuvor nur äußerst mobile Arten wie etwa Zugvögel die Distanzen zwischen den Kontinenten bewältigt, wurden solche Reisen nun auch für viele andere Lebewesen möglich.

Wenn heute immer mehr Schiffe die Ozeane in immer kürzerer Zeit überqueren, verbessern sich die Überlebenschancen der heimlichen Mitreisenden enorm. Immer wieder schaffen es eingeschleppte Lebewesen, in neuen Gebieten Fuß zu fassen. Arten aus wärmeren Regionen profitieren dabei auch vom Klimawandel, der es zum Beispiel Tieren und Pflanzen aus dem Mittelmeer-Raum ermöglicht, auch in Mitteleuropa zurechtzukommen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-03-11 16:32:04



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Umwelt-Archive auf dem Grund
  2. Wiener reagieren sich mit Schimpfen ab
  3. Umweltwächter im All
  4. "Wir alle wollen Astronauten werden"
  5. Hippokratischer Eid einer Neufassung unterzogen
Meistkommentiert
  1. Der Sitz der Eifersucht
  2. Schmarotzer mit Feuerkraft
  3. Am Gängelband der Gestapo
  4. Hirse für die Welternährung
  5. Umwelt-Archive auf dem Grund

Werbung





Werbung


Werbung