• vom 01.03.2016, 16:42 Uhr

Natur


Stammzellen-Medizin

Unsere Zellen sind jünger als wir




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Von Eva Stanzl

  • Ausstellung zu Stammzellen in Wien gibt präzise Einblicke in das komplexe Leben der Alleskönner.

Was in der Vergrößerung aussieht wie Wattebällchen, sind Blutstammzellen, die sich ständig erneuern.

Was in der Vergrößerung aussieht wie Wattebällchen, sind Blutstammzellen, die sich ständig erneuern.© NHM Was in der Vergrößerung aussieht wie Wattebällchen, sind Blutstammzellen, die sich ständig erneuern.© NHM

Wien. Künstliche Mini-Gehirne, Mini-Gedärme, künstliche Haut und in Zukunft vielleicht sogar ganze Organe aus dem Stammzelllabor zur Transplantation. Stammzellen gegen Leukämie, Diabetes und gegen Erektionsstörungen nach Prostatakrebs: Kein Bereich der Medizin weckt so viele Hoffnungen wie die Stammzellforschung. Viele Menschen versprechen sich die Heilung zahlloser Krankheiten. Aber die wenigsten kennen das komplexe Leben dieser Alleskönner.

Die Sonderausstellung "Stammzellen - Ursprung des Lebens" des Naturhistorischen Museums Wien füllt Wissenslücken. Die vom Schweizer Nationalfonds konzipierte und mit dem Schweizer Außenamt durchgeführte Wanderausstellung startete heute, Mittwoch, und läuft bis 10. Juli. Sie ist Teil eines mit 10 Millionen Schweizer Franken dotierten Forschungsprogramms. Sinn und Zweck der Schau ist, Laien und Schülern die kontrovers diskutierte Stammzellenforschung näherzubringen.


Stammzellen sind so etwas wie der Ursprung des Lebens im Körper. In vielzelligen Organismen gibt es nämlich eine Art Arbeitsteilung. Die meisten Zellen in erwachsenen Menschen sind spezialisiert auf ihre Funktionen in Blut, Lunge oder Herz. Stammzellen können hingegen alle Funktionen annehmen. Jede Minute teilen sie sich in 300 Millionen neue Zellen. Ohne diesen Nachschub wäre der Mensch in wenigen Minuten tot, Stammzellen dienen der Regeneration. Sie finden sich in Embryonen, Föten, Nabelschnurblut und Erwachsenen.

Die Ausstellung ist in die Bereiche Pflanzen, Tiere und Mensch unterteilt. "Pflanzen haben die wohl höchste Regenerationskraft. Manche können sogar austrocknen und wieder zum Leben erwachen, wenn sie Wasser bekommen", erklärte Kurator Adrian Heuss vor Journalisten am Dienstag. Doch auch die Tiere könnten den Homo sapiens neidisch machen: Dem Hai wachsen laufend die Zähne nach, der Hydra die Köpfe. Wird ein Regenwurm zerteilt, entsteht aus dem Hinterende ein neuer. Und das Axolotl, eine Lurchart, kann sogar Beine, Teile des Gehirns und des Herzens nachwachsen lassen.

"Stammzellen-Scanner"
Im Vergleich dazu scheint der Mensch, dessen Gebiss sich nur einmal erneuert und dem außer Haut, Haaren, Nägeln und Lebergewebe nichts nachwächst, wie ein Fehler der Evolution, könnte man meinen. Weit gefehlt. Denn unsere Zellen sind jünger als wir, der Körper erneuert sich ständig. Eine Muskelzelle wird alle 15 und und eine Knochenzelle alle zehn Jahre ersetzt, eine Blutzelle alle drei Monate und eine Hautzelle alle zwei Wochen. Nur wenige Zellen, wie jene in der Linse des Auges, sind so alt wie wir selbst. Das verrät ein "Stammzellen-Scanner" in der Schau. Scheinbar individualisiert zeigt das Gerät an, wo im Körper Stammzellen sitzen und wie alt diese sind.

Blutkrebs ist neben Herz und Haut eines der drei Ausstellungsmodule, die sich der Stammzell-Medizin widmen. Bei Leukämie ist man am weitesten: Hier versprechen die Alleskönner Heilung, wenn ein passender Spender gefunden wird, dessen Blutstammzellen der Erkrankte bekommt. Auch Hautstücke lassen sich züchten. Von einer voll funktionsfähigen Ersatzhaut ist man aber noch ebenso weit entfernt wie von der Regeneration von Herzgewebe. "Die Züchtung im Labor ist eines, aber ein Organ etwas anders, denn da muss jede Ader stimmen. Hier sind die Erfolge bescheiden", sagte Heuss.

Auch weil sie keine falschen Hoffnungen weckt, ist die Ausstellung sehenswert. Die klar und gut geschriebenen Ausstellungstexte vermitteln auch die ethische Problematik. So wird anhand einer Weltkarte mit Text deutlich, dass Blutstammzell-Transplantationen meist nur in reichen Ländern des Westens durchgeführt werden. Begleitet zur Schau gibt es ein Vermittlungsprogramm speziell auch für Schulen.

Einzig die Optik wirkt irgendwie altbacken. Die würfelförmigen Module in Blau und Orange sehen wie eine Reminiszenz an die 1970er Jahre aus und über diesen Eindruck helfen die mit eindrucksvollen Bildern von Zellgewebe hinterleuchteten Stellwände nicht hinweg. "Ich muss transportabel sein" steht der Architektur wie auf die Stirn geschrieben. Die Schau gastiert übrigens als nächstes in Bielefeld.




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Dokument erstellt am 2016-03-01 16:47:05



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