• vom 15.07.2016, 15:27 Uhr

Natur

Update: 15.07.2016, 17:31 Uhr

Verhaltensbiologie

Schüchterne Siegerinnen




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Von Kerstin Viering

  • Zurückhaltende Wildschweine sind mitunter die besseren Mütter, wie neue Forschungen zeigen.

Die Grundlagen für eine erfolgreiche Familiengründung werden im Ferkelalter gelegt.

Die Grundlagen für eine erfolgreiche Familiengründung werden im Ferkelalter gelegt.© Fotolia/byrdyak Die Grundlagen für eine erfolgreiche Familiengründung werden im Ferkelalter gelegt.© Fotolia/byrdyak

Berlin. Schüchternheit? Bei einem Wildschwein? Das klingt ersteinmal nach einer überraschenden Diagnose. Eine Art, die zu abendlichen Stadtbummeln und Zerstörungsaktionen in Blumenbeeten neigt, scheint auf den ersten Blick ja eher aus lauter Draufgängern zu bestehen. Doch dieser Eindruck täuscht. Auch in Wildschwein-Kreisen gibt es mutige und vorsichtige, aggressive und zurückhaltende Zeitgenossen. Und das hat Folgen für die Familiengründung, haben Sebastian Vetter und seine Kollegen vom Institut für Wildtierkunde und Ökologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien herausgefunden. In guten Zeiten sind scheue Weibchen demnach die besseren Mütter, berichten die Forscher im Fachjournal "Animal Behaviour".

Persönlichkeiten im Tierreich
Etliche Studien zeigen inzwischen, dass die Evolution auch im Tierreich recht unterschiedliche Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Schließlich müssen die meisten Arten mit wechselnden Umweltbedingungen zurechtkommen. Entsprechend führt auch nicht immer das gleiche Erfolgsrezept zu einem langen Leben und reichlich Nachwuchs. Bei knappem Futterangebot können zum Beispiel die besonders neugierigen und mutigen Tiere einen Vorteil haben, weil sie auch an ungewohnten Stellen nach Leckerbissen stöbern. In einer Welt voller Feinde dagegen dürften gerade diese Draufgänger als Erste gefressen werden.


Ein Erfolgsrezept für alle Lebenslagen gibt es also häufig nicht. Das gilt offenbar auch für Wildschweine. Denn als ausgesprochene Fans von Eicheln und Bucheckern müssen sie mit einem stark schwankenden Nahrungsangebot zurechtkommen. Während die Bäume in sogenannten Mastjahren nämlich für einen reich gedeckten Tisch sorgen, produzieren sie in anderen Jahren nur wenige Früchte. In zwei Gehegen haben die Wiener Forscher diese unterschiedlichen Bedingungen simuliert. Sie wollten wissen, welche borstigen Charaktere in üppigen und welche in mageren Zeiten den meisten Nachwuchs in die Welt setzen.

Dazu haben sie 57 Weibchen zunächst einem Persönlichkeitstest unterzogen. Sie haben ihnen zum Beispiel einen Fußball oder ein Plastiktier ins Gehege gelegt und beobachtet, wie rasch sie sich solchen unbekannten Objekten näherten und wie intensiv sie diese untersuchten.

Auch die Aggressivität gegenüber Artgenossinnen war ein wichtiges Kriterium in diesem Test. Aus solchen Beobachtungen haben die Wissenschafter dann für jedes Tier einen Persönlichkeitsindex errechnet und diesen mit der Anzahl der großgezogenen Jungtiere verglichen.

Die Grundlagen für eine erfolgreiche Familiengründung werden bei Wildschweinen demnach schon im Kindesalter gelegt. Und da haben die aggressiveren Charaktere zunächst die Rüssel vorn. Sie legen rascher an Gewicht zu als ihre zurückhaltenderen Geschwister - möglicherweise, weil sie den Kampf um die Zitzen der Mutter häufiger für sich entscheiden können.

Nahrung ist Voraussetzung
Damit aber haben sie sich offenbar einen Vorteil fürs Leben gesichert. Denn Schweine, die als Frischlinge schon besonders schwer sind, setzen als Erwachsene auch den meisten Nachwuchs in die Welt. Entscheidend ist allerdings, wie viele der geborenen Jungtiere auch erwachsen werden. Und in dieser Hinsicht können die vorsichtigeren Mütter punkten. Solange es genug Nahrung für alle gibt, entlassen sie deutlich mehr Junge im Alter von etwa sechs Monaten in die Selbstständigkeit.

Das liegt nach Ansicht der Forscher an einer besonders guten Nachwuchsbetreuung: "Wildschweine sind untereinander oft aggressiv und die Frischlinge sind daher besonders auf den mütterlichen Schutz angewiesen", erklärt Sebastian Vetter. "Wahrscheinlich wachsen die Jungen zurückhaltender Bachen in einem beschützten Umfeld auf und haben daher bessere Überlebenschancen." Sobald die Nahrung knapp wird, verschwindet dieser Vorteil allerdings. Auch der beste Schutz ist offenbar kein Ersatz für einen vollen Magen.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-15 15:32:05
Letzte nderung am 2016-07-15 17:31:20



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