• vom 01.11.2016, 16:24 Uhr

Natur


Biologie

Zwitter, die die Welt erobern




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  • Selbstbefruchtende Pflanzen sind die invasivsten Gewächse: Weil sie von niemandem abhängig sind, breiten sie sich in fremden Regionen am schnellsten aus.

Halb Männchen, halb Weibchen: Ragweed-Körbe mit männlichen Blüten (oben) und Teilblütenstände mit weiblichen Blüten (unten). - © wiki commons

Halb Männchen, halb Weibchen: Ragweed-Körbe mit männlichen Blüten (oben) und Teilblütenstände mit weiblichen Blüten (unten). © wiki commons

Wien. (est) Ambrosia artemisiifolia ist zwar so gelb wie Blumennektar, jedoch keine Götterspeise. Das Beifußblättrige Traubenkraut verursacht allergische Reaktionen, wie etwa Heuschnupfen oder Asthma, und gilt als eine der invasivsten Arten überhaupt. In seiner Heimat Nordamerika wird es despektierlich Ragweed genannt, übersetzt "Fetzenkraut". Nach Europa kamen die lumpigen Samen angeblich mit verunreinigtem Vogelfutter und landwirtschaftlichen Produkten. Seit etwa zwei Jahrzehnten wachsen die zart blühenden Pflanzen in unseren Breitegraden immer üppiger.

Ragweed gedeiht praktisch überall: in Gärten, auf Äckern und Schnittblumenfeldern, an Straßenrändern, in Kiesgruben, an Bahndämmen, auf Baustellen und auf Schutthalden. Selbst im kleinsten Spalt von Asphalt kann das Kraut mit den zarten Blüten sein Auskommen finden. Doch das wahre Geheimnis seines Erfolgs liegt weniger in seiner Genügsamkeit als in der Art, sich fortzupflanzen, berichtet ein Forscherteam mit österreichischer Beteiligung im Fachmagazin "Nature Communications". Demnach sind Gewächse, die sich selbst befruchten können, ganz besonders invasiv.


Anders als im Tierreich sind die meisten Pflanzen Zwitter. Das heißt, sie haben sowohl männliche als auch weibliche Fortpflanzungsorgane - können sich also selbst befruchten. "Selbstbefruchtung ist bei kurzlebigen Pflanzen, die sich nur einmal im Leben fortpflanzen, häufiger als bei langlebigen und führt zu einem größeren natürlichen Verbreitungsgebiet", erläutert Mialy Razanajatovo von der Universität Konstanz.

Die Biologin sammelte quantitative Daten zu Bestäubungsexperimenten, bei denen die Fähigkeit der Pflanzen zur Selbstbefruchtung getestet wurde. Sie verglich sie mit einer selbst erstellten Datenbank zu eingewanderten Arten und hielt fest, wie invasiv diese Arten sind. Das Fazit: Im Durchschnitt konnten Arten, die sich selbst befruchteten, in mehr Weltregionen einwandern.

13.000 Pflanzenarten
"wandern aus"

"Unsere Studie zeigt, dass die Selbstbestäubung ein Schlüsselfaktor für die Ausbreitung nicht-heimischer Arten ist", erklärt Franz Essl vom Department für Botanik und Biodiversitätsforschung der Universität Wien in einer Aussendung. Gerade am Beginn ihrer Karriere als Invasoren scheint es für Pflanzen von großem Vorteil zu sein, nicht von Bestäubern oder Fortpflanzungspartnern abhängig zu sein. Denn dann sind sie im fremden Gebiet spärlich verteilt und können in Eigenarbeit effektiver Samen bilden, als wenn sie auf Hilfe angewiesen wären. Umgekehrt siedeln sich auch jene Pflanzen, die in der Lage sind, Samen ohne Partner oder Bestäuber zu produzieren, eher außerhalb ihres natürlichen Lebensraumes an.

Über 13.000 Pflanzenarten sind derzeit bekannt, die sich - mit Hilfe des Menschen - außerhalb ihres eigentlichen geografischen Lebensraumes angesiedelt haben und sich dort vermehren. Erst vor wenigen Tagen warnte der World Wildlife Fund in seinem "Living Planet Report 2016", dass invasive Spezies eine der größten Bedrohungen für die Artenvielfalt darstellen (die "Wiener Zeitung" berichtete). Daher sei es wichtig, "Pflanzenmerkmale zu finden, die ihre Ansiedlung steuern", erklärt Essl. Bisher waren jedoch nur wenige Merkmale bekannt, die den Ansiedlungserfolg von verschleppten Pflanzen in neuen Gebieten begünstigen.




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Dokument erstellt am 2016-11-01 16:29:09



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