• vom 14.01.2017, 12:00 Uhr

Natur


Vogelkunde

Gefiederte Einzelwesen




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Von Walter Sontag

  • In der Ornithologie gibt es einen Trend zur individualisierten Vogelkunde, bei der nicht mehr "arttypisches Verhalten" im Vordergrund steht, sondern die repräsentative Persönlichkeit.



Jeder Vogel hat ein persönliches Schicksal - so auch dieses Starenmännchen.

Jeder Vogel hat ein persönliches Schicksal - so auch dieses Starenmännchen.© Christoph Roland Jeder Vogel hat ein persönliches Schicksal - so auch dieses Starenmännchen.© Christoph Roland

Zu den Vergnügungen der Antike gehörte es, Singvögeln dabei zuzusehen, ob und wie sie von ihrem Sitzplatz aus an einem Faden herunterhängende Futterstücke zu sich befördern. Seit je beschäftigen Vögel die Phantasie und Sinne des Menschen. Kultur- und kontinentübergreifend rankten sich um sie mannigfache Mythen und Geschichten. Ikonen dieses Zaubers kennen wir von überall: die Nachtigallenstimme in unseren Breiten, den bunten Federschmuck im alten Amerika und in Papua, das Abrichten der Falken im arabischen Raum, die Rabenintelligenz im Geisteskosmos der nordischen Völker. Ganz offensichtlich ist es nicht allein ihre Fähigkeit zu fliegen, die die menschlichen Betrachter bis in die Gegenwart in den Bann zieht.

So ist die Alltagssprache voll von Verweisen auf unsere gefiederten Begleiter. Begriffe wie Vogelperspektive, Anspielungen in der Werbung, in Filmen und Buchtiteln zeugen davon. Demnach stehen Vögel, gerade auch heutzutage, hoch im Kurs. Das erscheint paradox, sieht es doch in der realen Welt um ihren Fortbestand düster aus. Lebensraumverlust, Klimawandel und die zivilisationsbedingte Ausbreitung einiger dominierender Organismen bedrohen ihre Vielfalt.

Biomathematik

In unserem Kulturraum verfasste bereits der Stauferkaiser Friedrich II. (1194-1250) mit dem ersten Band eines siebenteiligen Werks eine eindrucksvolle Ornithologie. Sein Werk "De arte venandi cum avibus" ging weit über die im Titel versprochene Darstellung der Falknerei hinaus, stellte es doch in Wahrheit eine regelrechte Einführung in das Gesamtgebiet der Vogelkunde dar.

Information

Walter Sontag, geboren 1951 in Mainz, ist promovierter Zoologe und schreibt als freier Autor über biologische, ökologische und kulturelle Themen; lebt in Wien.

Der Text ist eine gekürzte und leicht abgewandelte Fassung des einleitenden Kapitels aus dem Buch "Gefiederte Lebenswelten. Das endlose Band der Ornithologie" von Walter Sontag, MediaNatur Verlag, Minden 2016, 416 Seiten, zahlr. Abb., 34,80 Euro.

Am 24. Jänner stellt der Autor sein Buch vor: 17.15 Uhr, HS 2, Karl Burian HS, UZA1, Biologiezentrum, 1090 Wien, Althanstr. 14.

Jahrhunderte später folgten John Ray, Freiherr F. A. von Pernau und Johann Friedrich Naumann, der mit seiner zwölfbändigen "Naturgeschichte der Vögel Deutschlands" (1820-1844) einen fulminanten Meilenstein setzte. Darwin stellte bald darauf die "alles" und damit auch die Ornithologie umfassende Deszendenztheorie (Abstammungslehre) vor, und im 20. Jahrhundert ging es dann Schlag auf Schlag.

Der Vergleichenden Verhaltensforschung (Ethologie) von Heinroth, Lorenz und Tinbergen alle drei überragende Ornithologen folgte die Soziobiologie, die scheinbar selbstlose Verhaltensweisen im Tierreich als eigennützige Handlungsstrategie der Individuen zu erklären suchte. Neuerdings wurde dieser neodarwinistische Ansatz unter dem Einfluss des an der Harvard-Universität lehrenden Biomathematikers Martin A. Nowak einer gründlichen Reform unterzogen.

Schützenhilfe erhielt der Aus-troamerikaner vornehmlich von Karl Sigmund von der Universität Wien, der wie Nowak aus Nieder-österreich stammt. Ihre gemeinsamen Publikationen in "Nature" und "Science" verhalfen der abgewandelten Sichtweise um die Jahrtausendwende zum Durchbruch. Ihre Argumentation fußt auf einem durch und durch mathematisch begründeten Vorgehen. Im Zentrum steht die Kooperation im Tierreich zwischen Individuen (aber auch Gruppen) als erfolgreiches Prinzip der Evolu-
tion, das ungehemmter Aggressivität überlegen und etwa im "Superorganismus" des Ameisenstaats anschaulich verwirklicht ist.

Mit der Ablösung der Ideenwelt des "arttypischen Verhaltens" durch die Soziobiologie ab den 1960er Jahren zog in die Biologie und Ökologie freilich eine neue Unübersichtlichkeit ein. Man kann von einer Neuentdeckung des Einzelwesens, des Individuums, sprechen.

Neben den offenkundigen Besonderheiten der unterschiedlichen Vertreter eines Lebensraums finden sich also auch erhebliche Abweichungen im Verhalten der Angehörigen ein und derselben Spezies und zwar über geschlechts- und altersabhängige Ungleichheiten hinaus. Erfahrungen aus der Vogelhaltung untermauern ebenfalls die Neigung zu großer innerartlicher Mannigfaltigkeit. Papageienhalter etwa können von den Eigenwilligkeiten ihrer Pfleglinge ein Lied singen.

Auf den Punkt gebracht: Die Individuen repräsentieren Persönlichkeiten. Ihre Lebensentwürfe unterscheiden sich und lassen sich kaum je vollkommen in das Korsett simpler Artkonzepte zwängen.

Beispiel "Fadenziehen"

Als anschauliches Beispiel mag das erwähnte "Fadenziehen" dienen. Moderne Forscher vollzogen den Zeitvertreib der Antike nach. Dabei fiel ihnen auf, wie ungleich nicht nur Vögel unterschiedlicher Arten mit dieser Herausforderung umgingen, sondern auch artgleiche Vertreter, etwa verschiedene Stieglitze oder Erlenzeisige. Offenbar verfügt ein Teil dieser Finkenvertreter über die Fertigkeit gewissermaßen spontan. Andere Individuen zeigen dieses sogenannte "Schöpfen" erst, nachdem es Artgenossen vorgemacht haben. Aber viele Stieglitze und Zeisige lassen ein derartiges Verhalten selbst dann vermissen.

Auch aus dem natürlichen Lebensraum finden sich zahllose Beispiele für individuelle Strategien. Einen eleganten Beleg dafür lieferten kürzlich Untersuchungen an Möwen und Austernfischern der Nordseeküste. So holten sich einige der mit GPS-Datenloggern versehenen Lach- und Silbermöwen die Nahrung in Nestnähe in der Gezeitenzone. Andere dagegen wechselten zum gleichen Zweck zwischen weit entfernten Watt- und Binnenlandflächen.


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Dokument erstellt am 2017-01-12 16:29:09
Letzte ─nderung am 2017-01-13 16:03:43



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