• vom 18.01.2017, 21:03 Uhr

Natur


Artenverlust

Endzeit für die nächste Verwandtschaft der Menschen




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  • Drei Viertel der Affenarten könnten bereits in den nächsten 25 Jahren aussterben.

Sumatra-Orang-Utans könnten in den kommenden Jahrzehnten aussterben

Sumatra-Orang-Utans könnten in den kommenden Jahrzehnten aussterben© Rhett A. Butler Sumatra-Orang-Utans könnten in den kommenden Jahrzehnten aussterben© Rhett A. Butler

Wien. (est/knau) Der Homo sapiens hat kein Problem mit sich selbst: Mit mehr als sieben Milliarden lebenden Exemplaren ist er ein Erfolgskind der Evolution. Doch unser Erfolg geht auf Kosten der Anderen, insbesondere der anderen Primaten. Während wir unseren Lebensraum immer weiter ausdehnen, haben Affen, Lemuren und Co. immer weniger Platz zum Leben. "Für einige Affenarten ist es inzwischen fünf Minuten vor zwölf Uhr", sagt Eckhard W. Heymann vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen.

Für drei Viertel der 504 nicht-menschlichen Primatenarten malt ein internationales Forscherteam im Fachjournal "Science Advances" ein düsteres Zukunftsbild. In einer umfangreichen Studie haben die Wissenschafter alle verfügbaren Informationen aus den Roten Listen der Weltnaturschutzunion IUCN, den Datensätzen der Vereinten Nationen und Fachpublikationen ausgewertet. Das Ergebnis ist niederschmetternd: 36 Prozent der 171 Primaten-Arten in Süd- und Zentralamerika sind gefährdet, in Afrika sind es 37 Prozent von 111 Arten und in Asien fallen mit 73 Prozent sogar knapp drei Viertel aller 119 Primaten-Arten in diese Kategorie. Noch verheerender scheint die Situation auf der Insel Madagaskar zu sein: Von den dort lebenden 103 Arten gelten 87 Prozent, also die überwiegende Mehrheit, als gefährdet.

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"Etwa 60 Prozent der Primatenarten sind vom Aussterben bedroht und drei Viertel der Populationen schrumpfen", heißt es in einer Aussendung zur Studie. "Vom roten Stummelaffen, der Schwarzen Stumpfnase, dem Hellköpfigen Schwarzlangur und dem Östlichen Flachlandgorilla leben jeweils noch wenige tausend Individuen", erklärt der US-Anthropologe Paul Garber von der Universität Illinois in Urbania-Champaign, der die Studie zusammen mit Alejandro Estrada von der Nationalen Autonomen Universität in Mexiko-City leitete. "Der Hainan-Schopfgibbon, der einst auf Hainan (eine aus Inseln bestehende Provinz in China, Anm.) verbreitet war, zählt heute weniger als 30 Tiere."

Verantwortlich machen die Forscher die Rodung tropischer Wälder, den Straßenbau und eine "unnötig destruktive" Art des Abbaus von Rohstoffen, von Erdöl und Erdgas über Gold und Edelsteinen bis zu Metallerzen, aus denen Nickel und Zink gewonnen werden. Hinzu käme illegaler Tierhandel. In etlichen afrikanischen Ländern werden Affen auch gejagt, um anschließend als Leckerbissen in Dörfern, Städten oder in den Camps von Rohstoff-Suchern zu landen. Im Osten des Kongo hat die Kombination aus Jagd und der Gewinnung des für die Elektronik-Industrie wichtigen Rohstoffs Coltan die Zahl der Grauer-Gorillas von 17.000 im Jahr 1995 auf 3800 im Jahr 2015 einbrechen lassen.

Gefahr durch Landwirtschaft
Die allergrößte Gefahr gehe jedoch von der Landwirtschaft aus, die 76 aller Menschen-Verwandten aus ihrem natürlichen Habitat verdränge. Allein zwischen 1990 und 2010 verschlang die Landwirtschaft mit 1,5 Millionen Quadratkilometern die dreifache Fläche Frankreichs des Primaten-Lebensraums. Neben der Schaffung von Plantagen, Weiden und Äckern werden in vielen Urwäldern wertvolle Hölzer geschlagen und somit den Primaten die Bäume genommen, die ihnen Nahrung und Schutz bieten. Laut den Forschern könnten schon in den kommenden 25 Jahren viele Primaten-Arten verschwunden sein.

Zwei Drittel unserer Verwandten leben in Brasilien, Indonesien, Madagaskar und in der Demokratischen Republik Kongo. "Der Verlust von Primaten-Lebensräumen geht oft mit starkem Bevölkerungswachstum und großer Armut einher", erklärt Garber. Maßnahmen gegen die Armut seien eine notwendige Komponente des Primaten-Schutzes und der Aufbau einer Ökonomie, die auf dem Schutz der Wälder beruht, "ein guter Anfang". Vorerst helfen Sofort-Maßnahmen, wie staatliche Schutzgebiete und Reservate.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-01-18 17:23:06
Letzte nderung am 2017-01-18 17:29:04



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