• vom 10.03.2017, 16:08 Uhr

Natur

Update: 10.03.2017, 17:51 Uhr

Biologie

Stress macht egoistisch




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  • Gereizte Vogeleltern haben nur sich selbst im Kopf.



Wien. (gral) Der Krabbentaucher, mit lateinischem Namen Alle alle, brütet in großen Kolonien an Felsklippen in den arktischen Regionen. Bedingt durch die dort herrschenden harschen Lebensumstände sind die Meeresvögel häufig mit Stress durch Nahrungsmangel und schlechte Wetterverhältnisse konfrontiert. Dieser Stress beeinflusst allerdings ihr Verhalten untereinander. Sie entwickeln sich gar zu Egoisten, berichten Forscher der Veterinärmedizinischen Universität Wien und der polnischen Universität Danzig im Fachmagazin "Journal of Ornithology".

Stress kommt also nicht nur in den besten menschlichen, sondern auch den tierischen Familien vor. Beim Krabbentaucher lassen sich solche Situationen besonders gut erforschen. Interessant macht ihn auch seine lange Lebenszeit mit rund zehn Jahren und dass die Vögel pro Jahr nur ein einziges Küken aufziehen, schreiben die Forscher. Das schließe Geschwisterkonkurrenz als Faktor in Stresssituationen aus.


Für ihre Versuche haben die Biologen die Tiere künstlich unter Stress gesetzt, um die Auswirkungen zu beobachten. Dies erreichten sie durch die Gabe von Hormonpellets mit dem Botenstoff Kortikosteron. Diesen setzen die Vögel für gewöhnlich dann auf natürliche Art frei, wenn sie in Stress geraten.

Stress durch Hormongabe
Die Untersuchung erfolgte schließlich in zwei unterschiedlichen Versuchsreihen: Zunächst wurden einigen Küken solche Pellets verabreicht. Sie reagierten auf den künstlichen Stress mit einem stärkeren Bettelverhalten. Und das auch mit Erfolg: Die gestressten Jungvögel waren im Vergleich zu einer "entspannten" Kontrollgruppe beim Flüggewerden etwa vier Wochen nach dem Schlüpfen deutlich schwerer, hatten also von den Eltern mehr Futter erhalten.

"Das Betteln bewirkte zwar eine fürsorgliche Reaktion bei den erwachsenen Krabbentauchern. Ob diese allerdings wirklich passiert und in welchem Ausmaß, hängt jedoch davon ab, wie fit sich die Vogeleltern fühlen", erklärt Studienautor Rupert Palme von der Vetmeduni Wien in der Publikation. Das zeigte sich schließlich im zweiten Versuch. So wurde einem von den beiden Elternteilen ebenso eine Hormonkapsel verabreicht. In dieser künstlich hergestellten Belastungssituation reduzierte der gestresste Elternteil seine Fürsorge und stellte sein Verhalten zum eigenen Vorteil um.

Den Beobachtungen zufolge verließen diese Tiere das Nest um einiges länger als nicht gestresste Vögel, um sich selbst ausgiebig der Futtersuche widmen zu können. Die Folge daraus war, dass sie ihren eigenen Nachwuchs dagegen viel seltener fütterten. Die Jungvögel hatten daher auch einen deutlich schlechteren körperlichen Zustand als jene der Kontrollgruppe und wurden auch später flügge.

Das Verhalten der Krabbentaucherfamilie hängt also eindeutig vom Zustand der erwachsenen Vögel ab, obwohl sich diese eigentlich nur um ein "Einzelkind" kümmern müssen. Sinken ihre eigenen Überlebenschancen durch schlechte Nahrungsverfügbarkeit oder Witterungszustände, werden sie sich auf sich selbst konzentrieren und deutlich mehr Zeit mit der eigenen Futtersuche als mit der Pflege ihres einzelnen Kükens verbringen, so die Konklusio der Forscher.

Dennoch keine Rabeneltern
Damit seien sie allerdings keine "Rabeneltern", betont Palme in einer Aussendung. Eher entspreche dies ganz normalen Vorgängen in der Natur, die nicht mit unserem Verhalten und Verantwortungsgefühl verglichen werden können. Für den langlebigen Krabbentaucher ist es wichtiger, das eigene Leben zu sichern, ein weiteres Jahr zu überleben und wieder Nachwuchs bekommen zu können. Denn schlechte Nahrungsbedingungen und umweltbedingte Einflüsse verringern immerhin auch die Überlebenschancen von Jungvögeln.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-10 16:12:05
Letzte ńnderung am 2017-03-10 17:51:05



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