• vom 26.06.2017, 17:00 Uhr

Natur


Artenvielfalt

Unbekanntes Aussterben




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  • Vor mehr als zwei Millionen Jahren verschwand ein Drittel der Haie, Wale und Meeresvögel.



Zürich. Ein Drittel aller Haie, Wale und Meeresvögel sowie Meeresschildkröten ist vor mehr als zwei Millionen Jahren ausgestorben. Dieses bisher in der Erdgeschichte unerkannte Aussterben der größten marinen Megafauna hatte nicht nur beachtliche Folgen für die Artenvielfalt, sondern auch für die Ökosysteme in Küstengewässern, wie Forscher der Universität Zürich nun aufzeigen. Von dem neu entdeckten Aussterben waren vor allem Meeressäugetiere betroffen, die ganze 55 Prozent ihrer Vielfalt verloren, schreiben die Wissenschafter im Fachblatt "Nature Ecology & Evolution".

Während der Eiszeit starben der Säbelzahntiger oder das Mammut aus. Dieses Verschwinden eines Großteils der terrestrischen Megafauna sei bestens bekannt. Die Zürcher Paläontologen belegen nun allerdings gemeinsam mit Kollegen des Naturkundemuseums Berlin, dass es bereits früher zu einem ähnlich großen Aussterben in den Weltmeeren gekommen sei.


Reduzierte Vielfalt
Das internationale Team untersuchte Fossilien der marinen Megafauna aus dem Pliozän (5,3 bis 2,6 Millionen Jahre vor Christus) und dem Pleistozän (2,6 bis rund 9700 Jahre vor Christus). "Wir konnten aufzeigen, dass etwa ein Drittel der marinen Megafauna vor rund drei bis zwei Millionen Jahren verschwand. Aufgrund dieses Ereignisses erben wir heute eine marine Fauna, deren Vielfalt sich im Laufe der Erdgeschichte bereits reduziert und verändert hat", erklärt Catalina Pimiento vom Paläontologischen Institut der Universität Zürich.

Von dem nun neu entdeckten Aussterben sollen vor allem die Meeressäugetiere betroffen gewesen sein, die 55 Prozent ihrer Vielfalt einbüßten. 43 Prozent der Gattungen gingen demnach bei den Meeresschildkröten verloren, 35 Prozent bei den Meeresvögeln und neun Prozent bei den Haien. Dafür entwickelte sich im nachfolgenden Pleistozän neues Leben, schreiben die Forscher. Rund ein Viertel der Tiergattungen - etwa der Eisbär Ursus, die Sturmschwalbe Oceanodroma oder der Pinguin Megadyptes - gab es im Pliozän noch nicht. Insgesamt sei die vorherige Vielfalt jedoch nicht wieder erreicht worden.

Um die Folgen dieses Aussterbens nicht nur quantitativ zu eruieren, konzentrierte sich das Forscherteam auf die Flachwasserzonen in Küstennähe und untersuchte die Auswirkungen des Wegfalls ganzer Artengruppen auf das Ökosystem. In solche funktionelle Einheiten zusammengefasst werden Tiere, die nicht unbedingt verwandt sind, aber doch ähnliche Eigenschaften und Funktionen innerhalb eines Ökosystems haben. Der Befund der Forscher: Im Schelfmeer gingen im Pliozän sieben Einheiten verloren.

Obwohl der Verlust von sieben funktionellen Einheiten und einem Drittel der Gattungen relativ bescheiden sei, führte er zu bedeutenden Verschiebungen innerhalb der funktionellen Diversität: 17 Prozent der gesamten Vielfalt ökologischer Funktionen verschwanden den Forschern zufolge im Ökosystem und deren 21 Prozent veränderten sich.

Warmblüter gefährdet
Bisher übliche Beutetiere fielen weg, neue Konkurrenten tauchten auf und die Meerestiere mussten sich anpassen. Die Paläontologen fanden zudem heraus, dass sich gleichzeitig der Lebensraum in den Küstengebieten aufgrund stark schwankender Meereshöhen markant reduzierte.

Die Forscher folgern, dass der plötzliche Verlust der produktiven Küstenlebensräume zusammen mit ozeanografischen Faktoren wie etwa veränderten Meeresströmungen wesentlich zum Aussterben beitrug. "Unsere Modelle ergaben, dass besonders Warmblüter mit hohem Energiebedarf eine größere Aussterbewahrscheinlichkeit hatten. So verschwanden etwa diverse Seekuh- und Bartenwalarten sowie der Riesenhai Carcharocles megalodon", so Pimiento.

"Die Studie zeigt, dass die Megafauna weit anfälliger für globale Umweltveränderungen in der jüngsten geologischen Vergangenheit war als bisher angenommen." Die Forscherin weist auf eine aktuelle Parallele hin: Auch heute seien große marine Arten wie Wale oder Robben sehr anfällig für menschliche Einflüsse auf das Ökosystem.




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Dokument erstellt am 2017-06-26 16:22:07



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