• vom 07.12.2012, 07:50 Uhr

Natur

Update: 07.12.2012, 07:50 Uhr

Physik

Das Loch im Verständnis der Welt




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Von Heiner Boberski und Eva Stanzl

  • Was erzählt die Quantenphysik über unsere Existenz?
  • Quantenphysiker Zeilinger: "Brücke zum Bewusstsein ist eine völlig offene Frage."

Anton Zeilinger: "Es gibt eine geistige Welt außerhalb der materiellen Existenz."

Anton Zeilinger: "Es gibt eine geistige Welt außerhalb der materiellen Existenz."© IQOQI Wien/Godany Anton Zeilinger: "Es gibt eine geistige Welt außerhalb der materiellen Existenz."© IQOQI Wien/Godany

"Wiener Zeitung": Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Phänomen, das "Einsteins Spuk" genannt wird, dass nämlich verschränkte subatomare Teilchen die gleiche physikalische Eigenschaft aufweisen, egal wie weit sie voneinander entfernt sind. Verändert man ein Teilchen, verändert sich auch das andere. Haben Sie bereits eine physikalische Erklärung dafür?

Anton Zeilinger: Wenn man ein Teilchen misst, nimmt es bei der Messung eine Eigenschaft an, und das andere, beliebig weit weg, nimmt im selben Moment ebenfalls die entsprechende Eigenschaft an, obwohl zwischen den Teilchen keine Verbindung besteht. Man kann dafür keine Erklärung geben im Rahmen des üblichen Weltbildes. Das ist ein rein quantenphysikalisches Phänomen. Mathematisch kann man es hervorragend beschreiben, es ist kein Problem der Theorie. Das Problem ist das konzeptive Verständnis: Was erzählt uns das über die Welt?

Information

Anton Zeilinger, geboren 1945 in Ried im Innkreis, ist international als Experimental- und Quantenphysiker bekannt. Seine Experimente zur Quantenteleportation trugen ihm den Spitznamen "Mr. Beam" ein. Er leitet das Institut für Quantenoptik der Akademie der Wissenschaften und ist Professor an der Universität Wien.

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Eine Entwicklungsrichtung besagt, wichtiger als die Konzepte Raum und Zeit sei das Konzept der Information, und Information ist offenbar unabhängig von Raum und Zeit. Das heißt, die Information liegt vor, dass die beiden Systeme gleich sein müssen, auch wenn sie vor der Beobachtung noch keine vordefinierten Eigenschaften besitzen und obwohl sie keine Verbindung haben.

Für mich deutet das in die Richtung, dass Information fundamentaler ist als alle anderen Konzepte. Schon das Johannes-Evangelium beginnt mit "Am Anfang war das Wort". Das kann ich auch mit Information übersetzen.

Und um welche Form der Information handelt es sich?

Information ist der Wahrheitswert einer logischen Aussage. Wenn die Aussage ist: Meine Schuhe sind schwarz, dann ist das entweder wahr oder falsch. Im Fall der Verschränkung ist der Wahrheitswert der Aussage: Diese beiden Teilchen tragen die gleichen Eigenschaften nach der Messung. Es ist keine Aussage darüber, ob die Teilchen vorher schon diese Eigenschaften haben.

Manche Quantenphysiker sind der Auffassung, dass sich diese "spukhafte Fernwirkung" nicht auf die subatomare Welt beschränkt. Ihnen zufolge gibt es einen universellen Quantencode, in den die gesamte Materie - lebend wie tot - eingebunden ist und der sich seit dem Urknall über den Kosmos erstreckt. Dem Gedanken folgend glauben sie an eine Existenz nach dem Tod.Halten Sie das für möglich?

Um die Quantenphysik zu verstehen, müssen wir ungewöhnlich denken, und ich bezweifle, ob diese Bahnen historisch schon beschritten wurden. Es gibt für die Quantenphysik keine Grenze ihrer Gültigkeit und es sollte irgendwann möglich sein, zu zeigen, dass auch große Systeme quantenphysikalische Phänomene aufweisen. Diesbezügliche Forschungsprojekte haben wir in Wien gestartet.

Davon getrennt zu sehen ist eine Interpretation, die die Quantenphysik zur Begründung für gewisse esoterische Positionen heranzieht. Das ist blanker Unsinn. Wer so etwas behauptet, versteht die Quantenphysik nicht, sondern folgt mentalen Spielereien von manchen Leuten. Was soll das heißen, es gibt einen Quantencode, der auch das Leben nach dem Tod beeinflusst? Es gibt auch "Quantenheiler" - maximal ein Placebo-Effekt. Aber mit Physik hat das überhaupt nichts zu tun.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Ich bin kein Atheist. Aber schon der Begriff "Leben nach dem Tod" hat eine zeitliche Dimension, die ich nicht für richtig halte. Ich glaube, dass es ein Leben außerhalb der materiellen Welt gibt. Es gibt eine geistige Welt außerhalb der materiellen Existenz. Aber mit Physik hat das nichts zu tun, sondern das ist nur meine persönliche Ansicht.

Sie wollen zeigen, dass auch große Systeme quantenphysikalische Phänomene zeigen könnten. Welche Systeme untersuchen Sie?

Das habe ich einmal gemacht. In den Experimenten, die meine Kollegen jetzt machen, sind es Riesen-Moleküle und mikro-mechanische Hebel, mykrometergroß. Für die quantenmechanische Skala ist das riesig. Auch diese Dinge sollten aber nach quantenmechanischen Prinzipien funktionieren. Letztlich geht es darum, zu zeigen, dass es keine Grenze gibt.

Was heißt das genau? Geht das auch im menschlichen Körper?

Ob die Quantenphysik in lebenden Systemen eine Rolle spielt, die über die Chemie hinausgeht, ist eine der interessantesten Fragen in den Naturwissenschaften überhaupt - auch für die Hirnforschung. Die meisten Menschen würden sagen, dass das Denkorgan in einer warmen Suppe schwimmt, wo die Dinge nicht von der Umgebung isoliert sind, der Quantenzustand daher sehr schnell zerstört werden würde. Das letzte Wort ist aber noch nicht gesprochen.

Was würde das für das Leben der Menschen bedeuten?

Es könnte sein, dass das Gehirn gewisse Möglichkeiten nutzt, um schneller zu einem Ergebnis zu kommen - ähnlich wie es bei Quantencomputern der Fall wäre. Ich frage mich aber, ob das Paradigma richtig ist. Das Paradigma zu jeder Zeit war, zu versuchen, Gehirn und Bewusstsein anhand der Leitwissenschaft in der Physik zu erklären. Im 19. Jahrhundert gab es mechanische Modelle des Gehirns mit Zahnrädern. Später waren es Vorstellungen mit elektrischen Relais, heute ist es die Quantenphysik.

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Dokument erstellt am 2012-12-06 16:05:05
Letzte Änderung am 2012-12-07 07:50:41



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