• vom 30.06.2011, 20:46 Uhr

Technologie

Update: 05.07.2011, 19:54 Uhr

Astronomie

Der allerletzte Countdown




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Von Christian Pinter

  • Am 8. Juli startet die Raumfähre Atlantis zum letzten Mal. Damit geht die Ära der US-amerikanischen Space Shuttles unwiderruflich zu Ende.

Die Atlantis über den Anden. Beim letzten Flug sind nur mehr vier statt sieben Astronauten an Bord.

Die Atlantis über den Anden. Beim letzten Flug sind nur mehr vier statt sieben Astronauten an Bord.© Foto:NASA Die Atlantis über den Anden. Beim letzten Flug sind nur mehr vier statt sieben Astronauten an Bord.© Foto:NASA

Nach 30 Jahren kommt das "Aus" für die Shuttle-Flotte, die doppelt so lange im Einsatz war wie alle früheren US-Raumschiffgenerationen zusammen - Mercury, Gemini und Apollo. Am 8. Juli soll die Atlantis, die letzte Raumfähre, vom Kennedy Space Center aus zur finalen Reise aufbrechen. Schon Stunden vor dem Starttermin zwängen sich die Besatzungsmitglieder - allesamt US-Amerikaner - in die Druckanzüge. Neben dem Kommandanten Chris Ferguson und dem Piloten Doug Hurley sind die Nutzlastspezialisten Sandy Magnus und Rex Walheim an Bord. Ihr Fluggerät hängt an der Seite des alles überragenden, orangefarbigen Tanks, der wiederum von zwei schlankeren Feststoffraketen flankiert wird. Die Chance, das Weltraumabenteuer zu überleben, liegt statistisch bei 99 Prozent.


Die Bordcomputer spulen die letzten 31 Sekunden des Countdowns ab. Sieben Sekunden vor dem geplanten Abheben zünden die drei mächtigen Haupttriebwerke am Heck des Shuttles, jagen gewaltige Wolken von weißem Wasserdampf fort. Erreicht dieses Trio seine Soll-Leistung nicht, muss sofort abgebrochen werden. Denn bei "Null" feuern die beiden seitlichen Booster gnadenlos los, bestückt mit 1000 Tonnen festem Treibstoff. Sie brennen ab wie Feuerwerksraketen, ohne "Aus-Schalter". Fällt einer der beiden Booster aus, schlägt der Schub des anderen alles in Trümmer. Die Ungetüme liefern fünf Sechstel der nötigen Schubkraft.

Der letzte Atlantis-Kommandeur, Chris Ferguson.

Der letzte Atlantis-Kommandeur, Chris Ferguson.© Foto:epa/Justin Dernier Der letzte Atlantis-Kommandeur, Chris Ferguson.© Foto:epa/Justin Dernier

Das anfangs 2000 Tonnen schwere Paket fährt an der Spitze einer grauen Rauchsäule gen Himmel. Es geht von Florida aus Richtung Osten, hinaus auf den Atlantik. Schon wenige Sekunden später flacht der Aufstiegswinkel ab; die Fähre rollt auf ihren Rücken. Nun wird die Crew mit dem Kopf nach unten in die Sitze gepresst. Ein Herzschlag, und wieder sind neun Tonnen Treibstoff verbraucht. Von Sekunde zu Sekunde verliert das Gespann an Gewicht und gewinnt entsprechend Tempo.

Am 28. Jänner 1986 endete der Aufstieg der Raumfähre Challenger schon in der 73. Sekunde. Frostige Temperaturen hatten einen Dichtungsring im rechten Booster steif gemacht. Brennbares Gas schoss aus der Rakete. Die Flamme durchschnitt eine Halterung, der entfesselte Booster krachte in den Tank. Die Explosion riss sieben Astronauten in den Tod.

Zwei Minuten nach dem Abheben ist man die Hilfsraketen los. Ausgebrannt sinken sie an Fallschirmen herab. Früher hat man sie wieder befüllt. Die drei Haupttriebwerke der Atlantis feuern weiter, mit der Kraft von 37 Millionen Pferden. Geht alles glatt, schalten sie nach achteinhalb Minuten Schwerstarbeit ab. Einst wurden sie nach den Flügen aufwendigst überholt. Jetzt ist ihr Brennschluss endgültig. Der obsolet gewordene Außentank, der sie mit flüssigem Wasserstoff und Sauerstoff versorgte, eilt noch einige Zeit neben dem Schiff her. Seine Trümmer versinken auf Nimmerwiedersehen im Meer.

Noch vor Vollendung der ersten Erdumkreisung lädt die NASA zur Pressekonferenz. Einstweilen hetzt die Fähre 350 km über Grund dahin. In rund 90 Minuten geht es um die Welt. Sonnenlicht und Dunkelheit wechseln 16 mal schneller ab als auf Erden.

Alle fünf Shuttles wurden nach historischen Segelschiffen getauft. Für die Atlantis stand ein Zweimaster Pate, der bis 1966 zur Meeresforschung diente. Das gleichnamige NASA-Schiff ist 78 Tonnen schwer und steht seit 1985 im Einsatz. Ziel ist die Internationale Raumstation ISS, die nun zum 37. Mal Besuch eines Shuttles erhält. Diesmal werden wichtige Ersatzteile zugestellt und ein italienisch-stämmiges Modul für Versorgungsgüter. Nach dem Ankoppeln prüft man die Luftschleuse auf etwaige Lecks. Dann wird die Shuttle-Crew an Bord der Raumstation willkommen geheißen.

Ein Blick zurück
Kaum hatten die US-Amerikaner ihre sowjetische Konkurrenz im Wettrennen zum Mond geschlagen, erschraken sie über die exorbitanten Kosten ihres Weltraumprogramms. Mehrere Mondflüge wurden gestrichen. Künftige Raumfahrer sollten keine Wegwerfkapseln mehr bemühen, US-Satelliten keine Einwegraketen. Stattdessen wollte man alles mit einem wiederverwendbaren Gefährt auf Reise schicken. Das US-Militär suchte einen Spediteur für übergroße Aufklärungssatelliten, während die Nixon-Administration gleichzeitig die Baukosten für das neue "Allzweck-Raumfahrzeug" herabdrückte. So entstand ein eigentümlicher Kompromiss zwischen leistungsstarker Rakete und manövrierfreudigem Segelflugzeug, eine Mischung aus schwerem "Sattelschlepper" und wendigem Personentaxi.

Beim Jungfernflug am 12. April 1981 flog man die Columbia noch mit der kleinstmöglichen Crew, bestehend aus Kommandant John Young und dem Piloten Robert Crippen. Später nahm die NASA auch noch bis zu fünf Missions- und Nutzlastspezialisten mit. Da diese selbst keine Flugerfahrung in Militärjets mitbringen mussten, ebnete die Raumfähre auch Zivilisten, ausländischen Gästen und Frauen den Weg ins All.

Jede Fähre sollte mehr als hundert Mal in den Kosmos aufbrechen. Die beste schaffte gerade einmal 39 Starts. Anfangs träumte man von Missionen im zwei- oder dreiwöchigen Rhythmus. Tatsächlich kam die NASA im Schnitt nur alle zweieinhalb Monate von der Rampe. Die Betriebskosten der Flotte schnellten entsprechend in die Höhe. Wegwerfraketen waren vergleichbar simple Systeme gewesen, der Sicherheitsaufwand hielt sich dort in Grenzen. Die Fähre musste hingegen stets ein überaus komplexes Lebenserhaltungssystem mitschleppen. Alles Wichtige sollte, sofern technisch machbar, doppelt und dreifach vorhanden sein. Entsprechend erwies sich das neue Arbeitspferd beim Start von Satelliten als teure Alternative.

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Schlagwörter

Astronomie, Extra, Shuttle, NASA

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2011-06-30 20:54:08
Letzte Änderung am 2011-07-05 19:54:59



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