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Update: 15.07.2011, 14:07 Uhr

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Vestalische Erkundungen




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Von Christian Pinter

  • Die Weltraumsonde "Dawn" lässt sich am 16. Juli von der Vesta einfangen, einem einzigartigen Himmelskörper, der den Astronomen viele Rätsel aufgibt.

Die NASA-Sonde Dawn "reitet" seit September 2007 auf einem feinen Strahl aus ionisiertem Xenon durch das Sonnensystem.

Die NASA-Sonde Dawn "reitet" seit September 2007 auf einem feinen Strahl aus ionisiertem Xenon durch das Sonnensystem.

Kaum im All angelangt, warf Dawn (englisch, "Morgendämmerung") den Ionen-Antrieb an: Seit September 2007 werden Xenon-Atome ionisiert, von einem elektrischen Feld beschleunigt und ausgestoßen. Der so erzeugte Rückstoß ist sanft wie der Druck, den zwei Blätter Papier auf die ausgestreckte Hand ausüben.


Von "Null auf Hundert" braucht die NASA-Sonde zwar vier Tage, doch dafür arbeiten ihre drei Ionen-Triebwerke höchst sparsam. Der Tank reicht nicht nur für wenige Minuten, sondern für 2000 Tage Schub. Deshalb kann Dawn gleich zwei steinerne Zwergwelten ansteuern.

Der alte Diogenes
Anfang 1801 stieß der Italiener Giuseppe Piazzi auf einen neuen, lichtschwachen Wandelstern: Er nannte ihn "Ceres", nach der römischen Göttin des Ackerbaus. Nur ein Jahr später reichte Heinrich Wilhelm Olbers die Pallas nach. Am 29. März 1807 fand der Bremer Arzt auch die Vesta. Weil Olbers beide Male im Sternbild Jungfrau fündig geworden war, widmete man seine Entdeckungen zwei ewig keuschen Damen der Mythologie: Mit der Pallas wurde die griechische Kriegs- und Weisheitsgöttin Pallas-Athene verstirnt, mit der Vesta die römische Göttin des Staats-, Altar- und Herdfeuers. In Vestas Rundtempel auf dem Forum Romanum erlosch die heilige Flamme nie. Dafür sorgten sechs jungfräuliche Priesterinnen: Verlor eine dieser Vestalinnen ihre Unschuld, wurde sie zum Tod verurteilt.

Ab 1847 verging kein einziges Jahr mehr, in dem man zwischen Mars und Jupiter nicht auf weitere derartige Objekte stieß. Man nannte sie "Kleinplaneten", "Planetoiden" oder "Asteroiden". Die Ceres blieb deren größte Vertreterin; sie würde zwischen Wien und Paris passen. Dahinter folgen die Pallas und die Vesta, beide etwa halb so groß. Die allermeisten der heute 282.000 bekannten Asteroiden sind kleiner als irdische Berge. Erst neun erhielten Besuch von robotischen Spähern aus den USA, aus Europa oder Japan.

Olbers interessierte sich auch für Steine, die angeblich vom Himmel gefallen waren. Schon Diogenes von Apollonia hatte im 5. Jahrhundert v. Chr. davon erzählt. Dennoch galten solche Berichte lange Zeit als Märchen. Erst der Deutsche Ernst Florens Chladni und der spektakuläre Meteoritenfall von Siena leiteten 1794 den Meinungsumschwung ein. Acht Jahre später wies der englische Chemiker Edward Howard in allen ihm vorgelegten Himmelsproben Nickeleisen nach.

Schon meinte man, damit die Echtheit vorgeblicher Meteoritenfälle prüfen zu können. Doch am 22. Mai 1808 regneten hunderte Steine über der mährischen Ortschaft Stannern herab, die frei von Nickeleisen waren. Karl von Schreibers, Leiter der Hof-Naturalienkabinette in Wien, untersuchte den rätselhaften Stannern-Fall. Bis dahin besaß die kaiserliche Sammlung nur fünf Meteorite. Nach diesem Ereignis baute Schreibers den Bestand eifrig aus. Mineralogen in Wien, aber auch in Berlin und Paris begannen, die eigentümlichen Objekte in Klassen und Unterklassen einzuteilen.

Vestalische Priesterinnen würden heute drei Meteoritengruppen hüten: Diogenite, Eukrite und Howardite. Der Name der Diogenite ist ein Denkmal für den erwähnten Diogenes, errichtet vom österreichischen Mineralogen Gustav Tschermak. Die Eukrite, zu denen auch der Stannern-Meteorit zählt, wurden 1863 von Tschermaks deutschem Kollegen Gustav Rose getauft. Der aus dem Griechischen abgeleitete Name sollte so viel bedeuten wie "leicht unterscheidbar". Die "Howardite" widmete Rose dem Chemiker Edward Howard. Sie bestehen aus Gesteins- und Mineralfragmenten von Eukriten und Diogeniten.

Überhaupt sind die drei Gruppen eng miteinander verwandt, wie Isotopenmessungen verrieten: Offenbar entstanden sie auf derselben Welt. Nur jeder 16. Meteorit in unseren Sammlungen gehört diesem elitären Zirkel an.

Vestas Feuer
Im Tempel der Göttin Vesta stand einst kein Bildnis. Hingegen gelang es dem Weltraumteleskop Hubble, Details auf dem gleichnamigen Himmelskörper abzubilden. An ihrer Taille misst die Vesta knapp 580 km, von Pol zu Pol ist sie um 120 km schmächtiger. Ein katastrophaler Einschlag hat ihre Südpolregion nämlich weggesprengt und dort einen Krater von der zweifachen Fläche Österreichs hinterlassen. Ein ringförmiger Wall, rund ein Dutzend Kilometer hoch, umkränzt ihn. Aus der Mitte ragt ein ähnlich mächtiger Zentralberg auf. Alle fünfeinhalb Stunden wirbelt die gedrungene Welt um ihre eigene Achse. Dabei rotieren Zonen variierender Helligkeit und Tönung ins Blickfeld.

Lichtet man die Vesta mit verschiedenen Farbfiltern ab, erhält man ein grobes Reflexionsspek- trum. Es ähnelt dem von zerriebenen Howarditen, Eukriten und Diogeniten. Einen zweiten, ebenso großen Himmelskörper mit derartigem Teint kennt man nicht. Die drei Meteoritengruppen sind daher vermutlich Gesteinsproben der Vesta. Man findet sie unter anderem in der berühmten Schausammlung des Naturhistorischen Museums in Wien. Doch welcher himmelsmechanische Prozess brachte sie dorthin?

Als das Sonnensystem vor 4,57 Milliarden Jahren entstand, vereitelte die Anziehungskraft des riesigen Jupiter die Geburt eines weiteren, richtigen Planeten vor seiner Haustür. Zwischen ihm und Mars ballte sich die Materie bestenfalls zu bescheidenen Himmelskörpern zusammen. Die an Masse reichsten hatten genug Aluminium-26 angesammelt, um sich beim Zerfall dieses radioaktiven Isotops zu erhitzen: Die Temperatur kletterte auf mehr als 1100 Grad C, weshalb solche Körper schmolzen.

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Extra, Astronomie

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Dokument erstellt am 2011-07-14 20:09:07
Letzte Änderung am 2011-07-15 14:07:56



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