Wien. (est) Wenn ihm der Wettergott gewogen bleibt, wird der Salzburger Extremsportler Felix Baumgartner am Montag um 3 Uhr Früh in Roswell im US-Bundesstaat New Mexiko aus einer Höhe von 36 Kilometer mit Überschallgeschwindigkeit zur Erde fallen. Neuer Rekord, aber nicht ganz einmalig: 1960 sprang der Amerikaner Joe Kittinger bereits aus 33 Kilometer Höhe erfolgreich ab.

Für den Fall aus der Stratosphäre musste jede Menge wissenschaftliche Vorarbeit geleistet werden. "Ein wissenschaftlicher Wert im Sinne neuer Erkenntnisse ist bei der ,Mission Stratos aber nicht vorhanden. Die Stratosphäre kennt man ziemlich genau, sie ist mit Ballonen gut zu erreichen. Das Ereignis ist reiner Extremsport", sagt Wolfgang Baumjohann, Direktor des Space Research Institute der Akademie der Wissenschaften in Graz, zur "Wiener Zeitung".
Doch welche wissenschaftlichen Grundlagen ermöglichen das Experiment, und welche technischen Voraussetzungen sind nötig, damit die Reise in lebenswidrige Höhen getätigt werden kann?
Die Stratosphäre, aus dem Lateinischen stratum für "Decke", ist die zweite Schicht der Erdatmosphäre. Sie liegt über der Troposphäre, in der wir Menschen leben. Der Grenzbereich liegt bei 8 bis 18 Kilometer Höhe. An die Stratosphäre schließt ab 50 Kilometer Höhe die Mesosphäre an.
In der Stratosphäre nimmt die Temperatur mit steigender Höhe zu, was am dort befindlichen Ozon liegt, das UV-Strahlung aus dem Sonnenlicht absorbiert und dabei elektromagnetische Strahlung in Wärme umwandelt. Am stärksten ist die Aufheizung im Bereich der Ozonschicht, hier steigt die Temperatur von minus 60 Grad Celsius auf knapp unter 0 Grad an. "Die Stratosphäre ist interessant für Klimaforscher, auch Meteorologen. Sie führen ihre Messungen über Fernerkundung durch, etwa mit Spektrografen und Radargeräten", so Baumjohann.
Ein Stab an Experten, viele von ihnen früher in Space-Shuttle-Programmen oder bei der US Air Force tätig, sollen am Montag sicherstellen, dass Baumgartner sein Ziel erreicht. Voraussetzung ist Windstille, Wolkenfreiheit und geringe Luftfeuchtigkeit. Jede Turbulenz würde den Aufstieg stören. Auf der Oberfläche des riesigen Ballons würden sich selbst winzige Wassertropfen zu einer Last von hunderten Kilo addieren. "Einen 850.000 Kubikmeter großen Ballon, gefüllt mit Helium, startet man nicht alle Tage", betonte Art Thompson, technischer Direktor des von der Firma Red Bull finanzierten Projekts.
Befüllen, Aufrichten und Starten sind Präzisionsarbeit. Das Ungetüm hat eine transparente Hülle, die so dünn ist wie ein Obstsackerl im Supermarkt. Jedes kleinste Loch wäre das Ende des Vorhabens. Die 15 Menschen, die den Ballon ausrichten, müssen Baumwollhandschuhe tragen. Zwei Tankwagen mit je 5000 Kubikmeter Helium befüllen die Hülle bis sie,55 Stockwerke hoch, senkrecht über der Kapsel schwebt, die den Extremsportler transportiert.
Schutz durch Fiberglas
Die Kapsel mit einer Isolierungsschicht aus Schaumstoff und Fiberglas schützt Baumgartner auf seiner fast dreistündigen Reise vor Tiefsttemperaturen, wenig Sauerstoff, geringem Luftdruck. Im Inneren kann natürlich geatmet werden. Der Hightech-Container soll auch Erkenntnisse für künftige Missionen sammeln. Zum Schutz ist er von einem Chrom-Molybdän-Käfig umschlossen. Das Material wird aufgrund seiner Stärke in Rennsport und Raumfahrt eingesetzt. Es muss dem Auslösen des Fallschirms und der Landung auf der Erde standhalten. Eine Außenhülle schützt Druckbereich und Käfig.
Baumgartner ist beim Aufstieg an seinem Sitz festgeschnallt. Mit 89 Schaltern kann er bei Bedarf alle Abläufe manuell steuern. In der Zielhöhe soll er die Kapsel durch eine Luke aus durchsichtigem Acryl in einem speziellen Druckanzug verlassen. Laut Plan hat ihn nach etwa fünfeinhalb Minuten die Erde wieder.