• vom 23.01.2012, 13:15 Uhr

Digital-Life

Update: 24.01.2012, 07:49 Uhr

Biografie

Merkwürdiges und Peinliches in der Übersetzung der Steve-Jobs-Biografie




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  • Silikon und Sprengstoff in Palo Alto

Es klang irgendwie Japanisch. Sein Aufstieg beginnt mit dem Bericht über zwei Elternpaare? Ein Tal, in dem Silikon in Gold verwandelt wird? Nicht ausgeschlossen, dass bei dem einen oder anderen Leser jetzt Bilder von auffallend üppig bestückten Blondinen durch den Kopf spuken. - © APAweb/EPA

Es klang irgendwie Japanisch. Sein Aufstieg beginnt mit dem Bericht über zwei Elternpaare? Ein Tal, in dem Silikon in Gold verwandelt wird? Nicht ausgeschlossen, dass bei dem einen oder anderen Leser jetzt Bilder von auffallend üppig bestückten Blondinen durch den Kopf spuken. © APAweb/EPA

Sie hat Tausende Gabentische geschmückt und steht seit Wochen an der Spitze der Bestsellerlisten: die Biografie des Apple-Gründers Steve Jobs. Nun hat der deutsche Bundesverband der Dolmetscher und Übersetzer in einer Pressemitteilung über haarsträubende Fehler, peinliche Übersetzungsfehler und so manch Merkwürdiges im Buch berichtet.

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Silikon zu Gold?
Ein großer Buchversand beschreibt das Werk als "Die Biografie des Jahres über einen der revolutionärsten Entwickler der Welt". Gleich im ersten von 41 Kapiteln der ersten Auflage findet der Leser merkwürdige Sätze wie: "Für Steve Jobs beginnt der Aufstieg zum strahlenden Olymp der Erfinder mit dem Bericht über zwei Elternpaare und die Kindheit in einem Tal, das gerade lernte, wie man Silikon in Gold verwandelt". Sein Aufstieg beginnt mit dem Bericht über zwei Elternpaare? Ein Tal, in dem Silikon in Gold verwandelt wird? Nicht ausgeschlossen, dass bei dem einen oder anderen Leser jetzt Bilder von auffallend üppig bestückten Blondinen durch den Kopf spuken. Nein, in der Biografie geht es gewiss nicht um San Fernando Valley. Das liebliche Tal im Nordwesten von Los Angeles wird wegen der dort ansässigen Pornofilmindustrie auch "Silicone Valley" genannt. Der Buchstabe "e" macht den entscheidenden Unterschied, trennt High Tech von Schmuddelecke.

Falsche Freunde
Wie kann so etwas passieren, in einem der größten Verlage der Welt bei der "Veröffentlichung des Jahres"? Dazu Übersetzer Alexander Heyne: "Das englische silicon (Silizium) und der deutsche Begriff Silikon sind sogenannte 'falsche Freunde', auf die man schon im Übersetzerstudium hingewiesen wird. Kein halbwegs versierter technischer Übersetzer würde darüber stolpern. Ich vermute, dass bei der Übertragung ins Deutsche großer Zeitdruck herrschte. Die ungewöhnlich hohe Zahl von sechs Übersetzern ist ein Indiz dafür."

Das hat sie wirklich fertiggemacht
Ein Einzelfall auf einer von über 700 Seiten? Keineswegs. Kapitel für Kapitel werden weitere sprachliche Salven abgefeuert. Über Steve Jobs Schulzeit und gewisse "Streiche" erfährt man: "Einmal brachten wir unter dem Stuhl unserer Lehrerin Mrs. Thurman Sprengstoff an. Das hat sie wirklich fertiggemacht." Autor Walter Isaacson schrieb im Original: "One time we set off an explosive under the chair of our teacher, Mrs. Thurman.
We gave her a nervous twitch." Die Technik-Ikone, der iGod befestigte Sprengstoff am Stuhl seiner Lehrerin? Und er zündete ("set off") die Ladung sogar? Und warum musste er nicht den Rest seines Lebens in einem Hochsicherheitstrakt verbringen?

Alexander Heyne: "Bei dem 'Sprengstoff' wird es sich wohl um einen simplen Knallkörper gehandelt haben. Und das Auftauchen von Jobs und seinem Mitschüler ließen die Lehrerin jedes Mal zusammenzucken. Eine andere Dimension als der im Buch verwendete Begriff 'fertigmachen'".

Übersetzen oder Worte tauschen?
Jobs Ehefrau Laurene ermutigte den Autor der Biografie, die Stärken und Schwächen ihres Mannes ehrlich zu beschreiben. Steve Jobs und Walter Isaacson kennen sich seit 1984. Isaacson hat bereits Biografien über Benjamin Franklin und Albert Einstein verfasst. Die Voraussetzungen für "die Biografie des Jahres" konnten also kaum besser sein. Und was finden wir im Ergebnis vor? Bei der Lektüre der deutschen Fassung muss sich der Leser durch lange Bandwurmsätze quälen. Der Stil wirkt abgehackt. Zu oft wurde einfach nur wörtlich übersetzt. Satz steht neben Satz. Ein stilistisch schöner Fluss aufgeschriebener Gedanken bleibt Fehlanzeige. Die Steve Jobs-Biografie macht uns sehr deutlich bewusst, dass zwischen uns als Leser und dem Autor noch eine weitere, ungemein wichtige Instanz steht: der Übersetzer.
Alexander Heyne: "Übersetzen ist weit mehr als der Wortaustausch von einer Sprache in die andere. Ein professioneller Übersetzer kennt sich im Thema aus und steigt entsprechend tief in den Inhalt des Werks ein. Weil Übersetzungen immer persönlich geprägt sind, muss ein einheitlicher Stil bei Teamarbeiten durch ein nachfolgendes
Lektorat und Korrektorat gesichert werden. Das Aufteilen von Übersetzungsarbeiten bleibt aber immer zweite Wahl."
Der Silikon-Schnitzer wurde übrigens in der zweiten Auflage der Biografie behoben. Den 250 000 Besitzern des deutschen Erstdrucks bleibt dieser Fehler mit Klassiker-Potential erhalten.




Schlagwörter

Biografie, Apple, Steve Jobs

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2012-01-23 13:21:33
Letzte Änderung am 2012-01-24 07:49:48



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