Es war im Jahr 2008, als das Internet seinen ersten authentischen Nachwuchs gebar. Sie hieß Tavi Gevinson, hatte graublau gefärbte Haare und trug eine große Masche am Kopf. Zu diesem Zeitpunkt war das Mädchen aus Chicago ganze elf Jahre alt. Mit einem Blog über Mode namens "Stylerookie" war sie über Nacht zur Internetsensation geworden.

Dabei hatte Tavi Gevinson erst einmal nur gemacht, was viele junge Mädchen in dem Alter machen: hübsche Fotos aus Modemagazinen zu Collagen verarbeitet. Dann hat sie bei einer Freundin gesehen, dass man so etwas auch im Netz machen kann - und es dann "Blog" nennt. Und mit der Intuition der Digital Natives, also jener Generation, die bereits mit dem Web aufgewachsen ist, schrieb sie Mode- und vor allem Popkultur-affin, als wäre sie so alt, wie sie mit ihren grauen Haaren und dem exzentrischen Rentner-Outfit von hinten aussah.
Etablierte Modekritiker sahen das entweder mit notdürftig verschleiertem Hass oder sie integrierten sie demonstrativ. Die Chefin der US-"Vogue", Anna Wintour, ließ sich auf einem gemeinsamen Foto sogar zu einem raren Lächeln hinreißen - und die musste immerhin hinnehmen, dass man den Teenager "Baby-Wintour" nannte. Gevinson wurde also von Modeschau zu Modeschau gereicht, und Designer wie Karl Lagerfeld, immer zu haben für unkonventionelle Stilikonen, sonnten sich in ihrem Ruhm. Während sich andere weniger über ihre Anwesenheit freuten, wie ein Redakteur des Magazins "Grazia", der sich beschwerte, dass ihre ausladende Kopfmasche ihm den Blick auf den Dior-Laufsteg versperrte. Natürlich fragte sich mancher, wie lange es dauern würde, bis der Modezirkus Tavi Gevinson als peinliche Petitesse im Kleiderschrank der Mediengeschichte verstauen würde.
Wieder einmal war es Lady Gaga, die es besser wusste. Sie pries Gevinson als Vertreterin eines Journalismus der Zukunft. Heute, vier Jahre nach der Fashion-Episode, hat Gevinson die Masche abgelegt, ist immer noch erst 16 Jahre alt, aber dafür schon Chefredakteurin. Und zwar von einem von ihr gegründeten Online-Jugendmagazin. Das heißt "Rookiemag.com", und dieser Tage ist ein Buch über sein erstes Jahr erschienen. Innerhalb der ersten sechs Tage hatte die Seite eine Million Aufrufe.
Frag den Star
Die Website richtet sich an junge Mädchen, die sich wie Tavi Gevinson nicht von den üblichen "Wie ich mir trotz unreiner Haut einen Burschen angle und mein Gott ist Justin Bieber süß"-Publikationen angesprochen fühlen. Mädchen, die wie sie die Serie "Twin Peaks" lieben und auch in Sachen Popmusik lieber im Archiv, zum Beispiel unter F wie Fleetwood Mac, kramen. Das ist wohl der Grund, warum dieses Onlineheft auch von erwachsenen Frauen viel Lob bekommt. Das System ist einfach: Es gibt ein Monatsthema, im September ist das "Drama", täglich werden zu drei fixen Zeiten Beiträge online gestellt. Dabei profitiert Gevinson nicht unwesentlich von ihren guten Kontakten in die lichte Welt der Berühmtheiten. Es gibt etwa eine Art Dr.-Sommer-Videokolumne mit dem Titel "Ask a grown man" - bei der etwa Jon Hamm, Star der Kultserie "Mad Men", quälende Pubertätsfragen beantwortet. Abseits des Celebrity-Aufkommens verfremdet "Rookiemag" die übliche Teenagermagazinform ganz possierlich: Wenn es etwa Ratgebervideos gibt, "Wie man ein ,Bitchface zieht" (ironisch) oder "Wie man in weniger als fünf Minuten so aussieht, als hätte man gerade nicht geweint" (ernst, aber mit Witz).
Mit erfrischender Selbstverständlichkeit wird auch das Thema Feminismus von Gevinson und ihrem Redaktionsteam aufbereitet. Zum Beispiel mit schmissigen Gedanken über Sexismus bei Videospielen. Kein Wunder, dass die 16-Jährige mittlerweile Vorträge über Teen-Feminismus hält.
Ihren Ausflug in die Modewelt sieht Tavi Gevinson heute differenziert. Vor allem die Scheinheiligkeit der Modebranche, die doch immer wieder darauf herumgeritten ist, dass sie zu jung war, um zu verstehen, prangert sie an: "Und das von Leuten, die das größte Geschäft damit machen, dass die Menschen jung aussehen wollen." Vielleicht steht deswegen auf ihrer Homepage derzeit ein sehr ausgiebiges Porträt der 90-jährigen Stilikone Iris Apfel, die den Leserinnen unter anderem rät: "200-Dollar-Jeans? Die würde ich nur kaufen, wenn sie mit 300-Dollar-Schein in der Po-Tasche geliefert würden."
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