• vom 21.09.2016, 16:34 Uhr

Digital-Life

Update: 21.09.2016, 17:08 Uhr

Medientage Wien

Fernsehen sucht seine Identität




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Von Bernhard Baumgartner

  • Medientage suchen nach Wegen, um sich gegen Netflix und Amazon zu behaupten.

Öffentlich-rechtliche Sender sollen laut Roger de Weck "ihre Hausaufgaben machen".

Öffentlich-rechtliche Sender sollen laut Roger de Weck "ihre Hausaufgaben machen".© apa/Hochmuth Öffentlich-rechtliche Sender sollen laut Roger de Weck "ihre Hausaufgaben machen".© apa/Hochmuth

Wien. Wer braucht noch Fernsehsender, die US-Serien spielen, wenn man auf Netflix und Amazon alle Serien auf Abruf sehen kann, wann und wo man will. TV-Sender wie ORFeins, ProSieben oder RTL müssen sich Strategien überlegen, wie man das Publikum an sich binden kann, obwohl ein großer - und billiger - Brocken wegzubrechen droht. Darum kreisten die Gespräche am zweiten Tag der Medientage in Wien.

Roger de Weck, Generaldirektor der Schweizer Rundfunkgesellschaft SRG, erinnerte daran, dass die öffentlich-rechtlichen Sender "ihre Hausaufgaben machen müssen". Der Medienwandel sei eine Chance, auf starke öffentlich finanzierte Medien könne man nicht verzichten. Eine Weg sei, Allianzen zu suchen, etwa mit Vermarktungsplattformen, wie in der Schweiz zwischen SRG und Swisscom: Ein Alleingang gegen die Global Players sei nicht möglich, "man muss sich zusammentun". Und im Redaktionsbereich müsse die Mischung genauso stimmen wie die Qualität. "Die Kanäle, das ist Menü. Das Internet ist à la carte. Und wir müssen à la carte so gut sein wie im Menü." Angesichts des Wachstums auch im klassischen TV sieht man die neue Konkurrenz noch relativ gelassen, die Möglichkeit, Serien und Filme zu streamen, führte aber zu einer hitzigen Debatte über öffentlich-rechtlichen Rundfunk.


Nischenprogramm
Katja Hofem von ProSiebenSat.1 sagte, der Druck durch Streaming-Anbieter sei nicht so groß, sonst würde man nicht gerade einen neuen Sender starten. Netflix und Amazon Prime seien aber in der Nische bei Special-Interest-Serien sehr erfolgreich, also bei Serien, die sich im klassischen TV schwertun. Ein Massenprogramm sei Video-on-Demand jedenfalls nicht. Holger Enßlin von Sky Österreich beklagte die fehlende Regulierung der Videoplattformen. Amazon Prime, Netflix oder YouTube würden Dinge rund um die Uhr ausstrahlen, die man im Fernsehen aus Jugendschutzgründen nicht vor 21 Uhr zeigen dürfe. "Wir kämpfen mit ungleichen Waffen", bestätigte auch Hofem. Wolfgang Fellner, Chef der Mediengruppe "Österreich", meinte, sein neuer Nachrichtensender oe24.TV sei mit zehn Millionen Euro Budget ein "Mäuslein unter Elefanten". Er beobachte, dass auch in anderen Ländern Zeitungen über News-TV ins Fernsehgeschäft einstiegen.

ORF-Finanzdirektor Richard Grasl glaubt, dass die Werbeindustrie und die Internetprovider Interesse an einem Streaming-Wachstum hätten. Erstere, um ihre Zielgruppe punktgenauer zu erreichen, Zweitere, um die Bandbreiten zu füllen.

Indessen kündigte Medienminister Thomas Drozda am Mittwoch im Nationalrat eine ORF-Enquete an, die im Frühjahr 2017 im Bundeskanzleramt stattfinden soll. Die Ergebnisse sollen Grundlage für eine allfällige Novelle des ORF-Gesetzes sein. Drozda bekannte sich zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wiederholte aber sein Nein zu einer Gebührenerhöhung.

Uneinigkeit zu ORF-Gebühren
Anlass war die Aktuelle Stunde des Nationalrats, die auf Initiative der Neos der Zukunft des ORF gewidmet war. Wie schon im Vorfeld verlangte Mediensprecher Niko Alm, nur noch die Public-Value-Produktion des ORF zu fördern. "Es geht nicht darum, den ORF in irgendeiner Form zu zerstören, ihm die Arme und Beine abzuhacken, sondern ihn zukunftsfit zu machen", betonte er. Drozda bekannte sich zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk im Rahmen des dualen Systems. Dieses Modell sei ein wesentlicher Bestandteil des europäischen Demokratiemodells. "Es geht nicht um ORF gegen Private, um Fernsehen gegen Zeitungen", sondern um Positionierung und Fortbestand der europäischen und österreichischen Medienlandschaft im globalen und digitalen Wettbewerb, unterstrich er in Bezug auf die Herausforderungen durch Google oder Facebook.

ÖVP-Generalsekretär Werner Amon lobte Drozda für sein Bekenntnis gegen höhere ORF-Gebühren. Dass der ORF-Stiftungsrat die Gebührenerhöhung selbst beschließen kann, will Amon ebenso ändern wie die Position des Alleingeschäftsführers. Für die FPÖ verlangte Philipp Schrangl, dass die derzeit von der Bundesregierung bestellten neun Stiftungsräte künftig durch den Nationalrat nominiert werden sollten. Zu höheren GIS-Gebühren sagte er: "Mit uns sicher nicht." Auch der Grüne Dieter Brosz verlangte eine Gremienreform.




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Dokument erstellt am 2016-09-21 16:38:04
Letzte nderung am 2016-09-21 17:08:09



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