• vom 12.04.2017, 17:07 Uhr

Digital-Life

Update: 12.04.2017, 20:44 Uhr

Digitalisierung

Jeder elfte Job




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Von Marina Delcheva

  • IHS-Studie: 360.000 Jobs durch Automatisierung gefährdet.

Kollege Roboter macht nicht grundlos Angst. - © Norbert Kaiser - CC 4.0

Kollege Roboter macht nicht grundlos Angst. © Norbert Kaiser - CC 4.0

Wien. Rund 360.000 Jobs sind in Österreich mittelfristig durch die forschreitende Digitalisierung in Gefahr. Das sind neun Prozent. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Instituts für Höhere Studien (IHS) im Auftrag des Sozialministeriums. "Die Effekte sind weniger dramatisch als bisher dargestellt. Aber die Studie ist keine Entwarnung", sagte IHS-Chef Martin Kocher am Mittwoch vor Journalisten.

Am stärkstem vom technologischen Wandel betroffen sind einfache, schlecht ausgebildetete Hilfskräfte, aber auch Handwerker und Beschäftigte in Dienstleistungsberufen, so die Studie. Rund zwei Drittel der gefährdeten Berufe betreffen Tätigkeiten, für die man höchstens einen Pflichtschulabschluss benötigt. Aber auch Jobs im Handel, in der Fertigung und Installateure geraten langfristig unter Druck. Genauer: Rund 30 Prozent der Hilfsarbeitskräfte-Jobs, 19 Prozent der Handwerker, 18 Prozent der Maschinenbediener und 11 Prozent der Dienstleistungsberufe könnten in Zukunft durch Maschinen oder Programme ersetzt werden.

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Akademiker weniger gefährdet
Akademische Tätigkeiten sind laut den Studienautoren Kocher und Gerlinde Titelbach hingegen kaum bis gar nicht durch die Digitalisierung gefährdet. Die IHS-Erhebung zeigt, dass intellektuelle, akademische und analytische Tätigkeiten kaum bis gar nicht maschinell ersetzbar sind. "Das bedeutet nicht, dass sich die Tätigkeiten nicht ändern", meint Titelbach.



Dem Ergebnis widersprechen aber andere Studien und die Erfahrungen der vergangenen Jahre, etwa in der Bankenbranche. Dort ist die Beschäftigung laut dem Arbeitsmarktservice zwischen 2008 und 2014 um 4,8 Prozent gesunken, während sie insgesamt gestiegen ist. Das Wirtschaftsforschungsinstitut rechnet außerdem damit, dass in den kommenden Jahren weitere 25.000 Bankenjobs wegbrechen werden.

Deutlich weniger optimistisch ist die Studie der Oxford-Wissenschafter Carl Benedikt Frey und Michael Osborne aus dem Jahr 2013. Die Forscher rechnen damit, dass in den USA langfristig 47 Prozent aller Jobs im Zuge der Automatisierung verschwinden werden. Allerdings berücksichtigt diese Annahme keine neuen Berufsfelder, die im Zuge der Digitalisierung entstehen.

Die Wissenschafter Melanie Arntz, Terry Gregory und Ulrich Zierahn schätzten das Automatisierungspotenzial in 21 OECD-Ländern auf rund neun Prozent aller Arbeitsplätze. In Deutschland und Österreich kamen sie auf einen Wert von zwölf Prozent, weil hier noch immer relativ viele, sehr einfache Tätigkeiten von Menschen erledigt werden.

Das IHS hat in seiner Studie das Modell der Frey-Osbourne-Studie quasi auf Österreich übertragen. Dabei haben die Studienautoren den Anteil jener Tätigkeiten untersucht, der durch eine Maschine oder einen Algorithmus ersetzbar ist, und zwar für alle Beschäftigten in neun Hauptberufs- und 43 Untergruppen. Sind mehr als 70 Prozent einer Tätigkeit aus heutiger Sicht maschinell ersetzbar, gilt der Job als gefährdet. Die Prognosen beziehen sich auf die kommenden 10 bis 20 Jahre. Anders als in der US-Studie sind hier individuelle Tätigkeitsstrukturen berücksichtigt. Worüber die Studie keine Auskunft gibt, ist die Frage, wie die unterschiedlichen Unternehmen auf den technischen Wandel reagieren und welche Auswirkungen das tatsächlich auf die Beschäftigten hat.

So oder so, die fortschreitende Automatisierung stellt den Arbeitsmarkt und die Politik vor enorme Herausforderungen. Schon jetzt hat die Hälfte der als jobsuchend Gemeldeten höchstens einen Pflichtschulabschluss. "Wir haben zwei Problemgruppen: die niedrig Qualifizierten und die älteren Arbeitslosen", so Kocher. Er rät, stärker in Weiterbildungsmaßnahmen zu investieren und in der Schule mehr digitale Kompetenzen zu vermitteln.

Kocher sprach sich gegen die viel diskutierte Wertschöpfungsabgabe aus. "Eine Steuer kann das Problem nicht lösen", meinte er. Die Abgabe könne gar Innovationen verlangsamen. Bevor man weitere Steuern einführe, müsse man etwa im Bildungsbereich Mittel umschichten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-04-12 17:12:05
Letzte nderung am 2017-04-12 20:44:52



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