• vom 29.08.2017, 14:14 Uhr

Digital-Life

Update: 29.08.2017, 14:34 Uhr

Anthropozän

Die Infosphäre und ihre Tücken…




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Von Franz Zauner, Gregor Kucera

  • Das Internet zwingt uns in Form einer schrankenlosdigitalisierten Ökonomie neue Werte und Verhaltensweisen auf.

Information ist eine neue Art der Weltbewältigung, mit der wir erst umgehen lernen müssen. - © vege - stock.adobe.com

Information ist eine neue Art der Weltbewältigung, mit der wir erst umgehen lernen müssen. © vege - stock.adobe.com

Im Internet sieht man viele Countdowns, die bedrohlich schnell auf ein Ende zu laufen. Egal, ob Bevölkerungswachstum, Waldsterben oder Wasserverbrauch, die Menschheit lebt ökologisch offensichtlich auf Pump. Der Earth Overshoot Day, der Welterschöpfungstag, findet jedes Jahr ein wenig früher statt. Wenn die Warnanzeigen recht behalten, könnte das soeben ausgerufene Anthropozän vergleichsweise schnell enden.

Wer über Erdzeitalter nachdenkt, bewegt sich ohnehin auf einer unmenschlichen Zeitskala. Äonen kommen ins Spiel, wenn man in geologischen Zeiten denkt, die eine Abfolge von Ewigkeiten sind. Seit vier Milliarden Jahren verändert sich der Planet, kühlt ab, wird heiß, verschiebt seine Landmassen. Arten verschwinden und entstehen, die Evolution verrichtet ebenso geruhsam wie unerbittlich ihr Zeitlupen-Geschäft des permanenten Wandels. Und nun soll also das Anthropozän angebrochen sein, das Zeitalter, in dem der Mensch auch der geologischen Zeit seinen Stempel aufdrückt?

In den Erdschichten finden sich schon jetzt genug Beweise für die Dominanz des Menschlichen: Radioaktivität zum Beispiel, oder Knochenhaufen aller Art, auch Einschlüsse von zunehmend dicker und schlechter werdender Luft. Zuletzt haben wahrscheinlich Bakterien so massiv in die Atmosphäre eingegriffen wie der Mensch, aber die schenkten uns den Sauerstoff, während als Folge des industriellen Stoffwechsels die planetarischen Sphären mit Kohlendioxid, Methan oder Fluorchlorkohlenwasserstoffen angereichert werden. Das also sind die Begleiterscheinungen des Anthropozäns: ein aufgeheiztes Klima, eine wuchernde Verstädterung, umkämpfte Ressourcen, globale Umweltverschmutzung und ein Artensterben, das sonst nur für planetare Katastrophen typisch ist.

Man weiß das, und man weiß auch, dass Mittel und Zwecke im Zeitalter der großen Zahlen neu gewichtet werden müssen, damit uns die von Menschenhand geschaffene Welt nicht über den Kopf wächst. Im Anthropozän, in dem die Zivilisation selbst zur gefährlichsten Naturgewalt wird, muss die Kooperation neu erfunden werden. Wahrscheinlich ist der augenfälligste Beweis, dass der Mensch nun tatsächlich der wichtigste Faktor im planetaren Geschehen ist, in dem Zaumzeug zu finden, dass er just dafür um den Planeten gesponnen hat. Es ist ein Netzwerk aus Kabeln und mehr noch, aus elektromagnetischen Wellen, das einzigartig ist: die Infosphäre. Sie verknüpft Radio, Fernseher, Telefone, Satelliten und das Internet zu einer kommunikativen Infrastruktur, die zu bedeutsam ist, um sie Konzernen und Geheimdiensten zu überlassen.

Information ist eine neue Art der Weltbewältigung, mit der wir erst umgehen lernen müssen. Das Internet, einst ein Hoffnungsträger so groß und leuchtend wie eine Revolution, zwingt uns in Form einer schrankenlos digitalisierten Ökonomie neue Werte und Verhaltensweisen auf, ohne dass wir das so besprochen hätten. Es geht wie von selbst, atemberaubend und schnell. Der Schriftsteller Hans-Christian Dany mutmaßt in seinem Buch "Morgen werde ich Idiot", dass die Kybernetik und der Mensch eins geworden sind. Alles regelt sich wie von selbst, indem sich alle gegenseitig kontrollieren. Wir bewerten uns permanent selbst, wir bewerten die anderen und werden bewertet - auf Facebook, bei ebay und praktisch überall im Netz. So überwacht jeder jeden, es kommt einem normal vor.

Und weil alles so normal erscheint, fügen wir uns geschmeidig ein in den Strom der digitalen Moden. Der Soziologe Harald Welzer hat eine Predigt verfasst, ein Buch mit dem Titel "Die smarte Diktatur". Wer eine Zusammenfassung aller Bausteine einer Diktatur des Digitalen sucht, wird von Welzer vorzüglich bedient.

Er liest uns Vertretern der "sedierten Zivilgesellschaften" ordentlich die Leviten, benennt unsere Sünden. Wir gleichen "emotionale Defizite durch Hyperkonsum und Selbstverdummungsprogramme" aus, scheren uns nicht um unsere Mitmenschen und vollbringen "das historisch einmalige Kunststück", uns selbst "in Freiheit zu versklaven": "Sie sind die Laborratte, die die Daten liefert, mit deren Hilfe Sie manipuliert werden."

Und er lenkt höchst amüsant den Blick auf einen Umstand, der angesichts der vergleichsweise klinischen Sauberkeit alles Digitalen (mit Ausnahme vielleicht der Hautfett-Schlieren auf den Touchscreens) gerne verdrängt wird: "Digital ist fossil". Eine Million Jahre hat die Erde gebraucht, um den Kohlenstoff in der Erdkruste zu verstecken, den wir in einem Jahr herausholen und verfeuern.

Wollte man den Materialverbrauch für ein einziges Smartphone symbolisieren, dann müsste laut Welzer sein Besitzer einen mittelgroßen Kühlschrank hinter sich herziehen - "was sich durch seine gewöhnlich gebeugte Körperhaltung in gewisser Weise ohnehin anbietet". Materiell und energetisch ist der Aufwand für beide Geräte gleich groß. Nur kaufen wir öfter ein Smartphone als einen Kühlschrank; die Gestus der Verschwendung ist in der digitalen Sphäre weit stärker ausgeprägt als in allen anderen industriellen Zonen, und es kommt einem dennoch so vor, als würde man permanent Energie sparen. Dabei triggert jede Interaktion mit einer App weitere Aktionen im Hintergrund, die sich zu energetischen Verschwendungsorgien aufsummieren.

Es hat schon einen Grund, dass die Errichtung von Serverfarmen ein Wachstumstreiber ist. Die "Cloud", der Inbegriff des Gemeinschaftlichen, ist in der Regel eine energieintensive, landschaftsverschandelnde Einrichtung aus Beton, Stahl und Glas. Wir sind immer nur einen Klick weit weg von der nächsten digitalen Sensation, aber die ökologischen und energetischen Folgen bleiben für unsere Sinne unsichtbar.

Sichtbar ist hingegen, der Stromhunger, der Ressourcenverbrauch und der Elektroschrott. Der Abbau von seltenen Erden, die für Smartphones wesentlich sind, verändert die Welt. Verschiebt die Werte und sorgt für einen Wettlauf um sichere Abbaugebiete abseits von China.

Immer leistungsfähiger, besser und klüger müssen Elektrogeräte sein. So klug, dass der Mensch dahinter immer weniger klug sein muss, so die Befürchtung der Kritiker. Oder sich endlich auf das Wesentliche konzentrieren kann, meinen die Befürworter. Das Internet als Tool des Anthropozän. Als Quell unendlichen Wissens, das der Mensch erst mit Algorhtimen suchen muss, um es in den Weiten des WWW zu finden. Man kann sich in Internet verlieren. Man kann Spuren hinterlassen, zumindest solange eine Suchmaschine darauf verweist oder ein Datenträger existiert, auf dem Information abgespeichert werden kann. Die Information wird immer mehr, aber wo soll sich zukunftssicher gespeichert werden? Nichts wird mehr vergessen. Oder vielleicht doch? VIelleicht wird es irgendwann einfach zu viel. Und dann ist man froh, wenn die Maschinen nur mehr wissen und der Mensch selbst wieder vergessen darf.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-29 00:17:12
Letzte nderung am 2017-08-29 14:34:12



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