• vom 12.10.2017, 18:56 Uhr

Digital-Life

Update: 12.10.2017, 19:05 Uhr

Sprachsteuerung

Hey, Siri!




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Von Judith Belfkih

  • Unter dem Deckmantel der punktgenauen Hilfe öffnet Apple sich über das jüngste Update Zugang zu einem immensen Datenschatz.

- © chombosan - stock.adobe.com

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"Sag Siri, es soll einen Wecker oder einen Zielort einstellen. Buche eine Fahrt oder setz ein Meeting an. Verschicke Geld oder einen Liebesbrief. Du kannst sogar das Licht in deinem Zimmer ändern. Und je mehr du Siri nutzt, desto besser weiß es, was du in einem bestimmten Moment brauchst. Sag es einfach und Siri kümmert sich darum."

Das Angebot ist verlockend. Sind wir nicht alle gestresst genug, um etwas Hilfe verdient zu haben? Und da taucht endlich jemand auf, der uns versteht und auch noch kräftig unterstützt. Da bleibt dann auch mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge. Auch wenn uns mitunter gerade entfallen ist, was das denn eigentlich war. Aber vielleicht kann auch da Siri helfen, schließlich kennt es uns wie sonst niemand. Also vorausgesetzt, wir lassen uns immer besser kennenlernen, sprich füttern Siri fleißig mit Daten.

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Apple hat in den vergangenen Tagen sein jährliches Software-Update freigeschalten. Millionen von Usern haben es auf ihren iPhones heruntergeladen und installiert. Manche hat dabei die allgegenwärtige Angst vor dem Update begleitet. Einige Benutzer berichteten von Problemen mit Apps oder der telefonischen Erreichbarkeit. Die weitreichendste Umstellung dieser neuen Generation von Betriebssystem ist vielen Apple-Kunden jedoch noch verborgen geblieben: Das Sprachassistenzprogramm Siri ist künftig mit einer Vielzahl von Apps und Programmen verknüpft. Dabei ist voreingestellt, dass Informationen beim "Suchen, Nachschlagen und bei Tastaturen angezeigt werden" und Siri "aufgrund der Verwendung" des Programmes oder der App "lernen und Vorschläge machen kann".

Siri lernt also, wie der Nutzer sein Gerät verwendet, um es zu personalisieren. So weit so nachvollziehbar. Die einzige Form, wie Siri jedoch "lernen" kann, ist über die Daten seiner Nutzer. Je mehr, desto besser. Akzeptiert man die Voreinstellung, sind das verdammt viele Daten. Fotos, Notizen, Musik, Internetbrowser, das Telefon selbst und viele weitere Apps sind da zum automatischen Daten-Scan freigeschalten. Das geschieht natürlich "geräteübergreifend", damit alle Geräte über die gleiche "Benutzerfahrung" verfügen.

Offene Datenschleusen und eine Vertrauensprobe
Siri soll also klüger werden und von uns lernen, um uns besser helfen zu können. Wir liefern im Gegenzug dazu bereitwillig den freien Zugang zu all unseren Daten. Freiwillig und unter dem Deckmantel der besseren Unterstützung. Auch weitere Datenkanäle wie die Standortbestimmung sind nach dem Update voreingestellt aktiv. Und schon seit einiger Zeit bittet Apple darum, die in der iCloud gespeicherten Daten analysieren zu dürfen. Natürlich lassen sich diese Funktionen ausschalten. Natürlich versichert Apple, dass die Datenauswertung verschlüsselt, anonymisiert und nur lokal auf den Geräten stattfindet. Bedenkt man jedoch, dass Siri offline nicht funktioniert, ist das eine harte Vertrauensprobe. Daten sind schließlich nach wie vor die harte Währung des digitalen Zeitalters. Wer sie besitzt, hat die Macht.

Apple und andre digitale Player holen sich nachträglich die Legitimation für eine bereits gängige Praxis, werfen Datenschützer süffisant als Argument in den Raum. Wer ein Smartphone nutze, müsse eben damit rechnen, überwacht und beobachtet zu sein, sprich Daten preiszugeben.

Hinter dieser neuen Verlinkung von Funktionen und Geräten mit Sprachassistenzprogrammen - seien es Siri, Alexa oder Cortana - steckt jedoch mehr als nur Datengier. Für Digitalexperten ist die Sprachsteuerung ein logischer nächster Schritt in der technologischen Entwicklung: Wir werden in Zukunft wieder mehr sprechen, prognostizieren sie.

Zuletzt war es ja nach Jahren der lautstarken Telefongespräche wieder recht still geworden in den U-Bahnen. Gesenkte Köpfe und wischende Finder dominierten das öffentliche Bild. Das ändert sich aktuell wieder - Sprachmemos überholen gerade die klassisch geschriebenen Mitteilungen. Und es soll sich noch mehr ändern. Nicht unbedingt in der Art und Weise, wie wir miteinander kommunizieren, wohl aber wie wir das mit unseren digitalen Assistenten und Geräten tun. In dieser Interaktion soll in Zukunft das gesprochene Wort den Ton angeben - schließlich war und ist es der natürliche Aggregatzustand von menschlicher Sprache.

Vom Tippen zum Wischen zum Sprechen - vom Nutzer lernende künstliche Intelligenz - und um nichts anderes handelt es sich bei Sprachassistenten - sollen diese Bedienrevolution möglich machen. Siri verfügt für diesen kommenden Schritt auch - wie die Alternativen von Google oder Microsoft - über die Option, ganz ohne Tastendruck und nur über das Key-Wort "Hey, Siri!" aktiviert zu werden. Egal, wo das Handy liegt, bei Nennung des Key-Wortes schaltet sich Siri ein und fragt nach den Wünschen der Nutzers. Dafür muss der Dienst natürlich ständig die Geräuschkulisse seines Benutzers scannen, sprich durchgehend aufzeichnen und analysieren. Die Daten werden ständig überschrieben, versichert Apple. Ein von Usern legitimierter Lauschangriff ungeahnten Ausmaßes ist es dennoch. George Orwell wäre gelinde gesagt fasziniert. Immerhin ist diese Funktion nicht voreingestellt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-10-12 16:04:17
Letzte ─nderung am 2017-10-12 19:05:43



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