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Update: 05.11.2017, 15:00 Uhr

Datenkapitalismus

Die schöne neue Welt des Datenkapitalismus




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Von Thomas Seifert

  • Digitalisierung, Industrie 4.0: Das sind nicht bloß Schlagwörter, sondern die Beschreibung der rasanten Entwicklung der Gegenwart.

- © Irma Tulek

© Irma Tulek


© Irma Tulek © Irma Tulek

Wien. Der Ökonom Milton Friedman steht in den 1960er Jahren an einer riesigen Baustelle in Asien. Scharen von Bauarbeitern arbeiteten an einem groß angelegten Kanal-Projekt - nur mit Schaufeln und Spitzhacken. Von schweren Baumaschinen, Baggern, Planierraupen oder Kränen ist kaum etwas zu sehen. Friedman - er ist damals Berater eines asiatischen Entwicklungslands - erkundigt sich beim zuständigen Beamten über den spärlichen Einsatz schweren Geräts. Das Projekt diene der Arbeitsbeschaffung, lautete die Antwort des Beamten. Friedmans Antwort: "Warum geben Sie den Männern dann statt Schaufeln nicht Löffel?"

Friedmans Sarkasmus passt gut zur radikalliberalen Haltung des 2006 verstorbenen Nobelpreisträgers. Aber er lag mit seinem Spott auch nicht ganz falsch: Denn der technische Fortschritt, darauf weist der Sachbuchautor Martin Ford in seinem Buch "Aufstand der Roboter" (in dem auch dieser legendäre Dialog zwischen Friedman und dem Beamten widergegeben ist) hat während des 20. Jahrhunderts der Gesellschaft zu beträchtlichem Wohlstand verholfen. Es habe immer wieder gewaltige Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt gegeben, aber diese haben sich dann immer wieder eingerenkt, schreibt Ford: "Die Mechanisierung der Landwirtschaft vernichtete Millionen Arbeitsplätze, scharenweise strömten daraufhin Landarbeiter auf der Suche nach Fabrikarbeit in die Städte. Später verdrängten die Automatisierung und die Globalisierung Arbeiter aus der verarbeitenden Industrie und trieben sie in neue Anstellungen im Dienstleistungssektor.


Während der Übergangsphasen war kurzzeitige Arbeitslosigkeit immer wieder ein Problem, aber die Zustände wurden nie systemisch oder dauerhaft. Neue Arbeitsplätze entstanden und vertriebenen Arbeitern eröffneten sich neue Möglichkeiten." Steigende Produktivität habe so zu steigendem Wohlstand geführt. Doch im 21. Jahrhundert erstreckt ökonomische Aktivität sich über den gesamten Globus - im Unterschied zum 20. Jahrhundert, in dem bis in die 1980er Jahre etwa die heutige Wirtschaftssupermacht China kaum am internationalen Handel teilgenommen hat - genauso wenig wie heutige Produktionsstandorte wie Bangladesch, Thailand, Indonesien, Indien oder Sri Lanka. Der Handel des Westens mit den damaligen Ländern des Ostblock-Wirtschaftsbündnisses, Comecon (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) - von denen heute viele Mitglieder der Europäischen Union sind - war ebenfalls vernachlässigbar. Die Weltwirtschaft war fragmentiert und der Handel innerhalb der Machtblöcke isoliert - das ist heute freilich anders.

Wir verwandeln uns in Zukunft
Globalisierung war bislang die wichtigste Triebfeder des rasanten Wandels, nun ist es der technologische Wandel, der der Hauptgrund für die gewaltigen Umwälzungen ist. Die Zukunft hat längst begonnen. "... Es sprechen viele Anzeichen dafür, dass die Zukunft in solcher Weise in uns eintritt, um sich in uns zu verwandeln, lange bevor sie geschieht" - diese Weisheit teilte der Dichter Rainer Maria Rilke schon im Jahr 1904 in einem Brief an den österreichischen Schriftsteller und Journalisten Franz Xaver Kappus mit. Heute ist es nicht anders. Die wolkige Zukunft der vierten industriellen Revolution, mit ihren neuen Technologien von autonomen Autos, 3D-Druck, Nanotechnologie, künstlicher Intelligenz, Durchbrüchen in der Neurowissenschaft, Quantencomputern, hochmodernen Robotern, dem Internet der Dinge und neuen Werkstoffen ist zur konkreten Gegenwart geronnen. Und wie der Gründer des Davoser Weltwirtschaftsforums (World Economic Forum), Klaus Schwab in seinem Buch "Die vierte Industrielle Revolution" darlegt, geht diese Revolution mit atemberaubender Geschwindigkeit und mit einer Breite und Tiefe vonstatten, die "zu beispiellosen Paradigmenwechseln in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, aber auch in der individuellen Lebensgestaltung führen. Sie ändert nicht nur, was wir tun und wie wir es tun, sondern auch, wer wir sind", schreibt Schwab.

Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee kommen in ihrem Buch "Das zweite Maschinenzeitalter" zu folgendem Schluss: Im bisherigen Maschinenzeitalter waren die Maschinen vor allem Helfer der Menschen, um die Arbeit zu erleichtern. Aber im neuen Maschinenzeitalter übernehmen die Maschinen immer mehr kognitive Aufgaben. In vielen Fällen können Computer, die mit künstlicher Intelligenz ausgestattet sind, bessere Entscheidungen treffen als Menschen. So würden sie menschliche Arbeitskraft nicht mehr bloß ergänzen und die Arbeit schneller, effizienter und einfacher machen, sondern menschliche Arbeitskraft in manchen Prozessen obsolet machen - ein wenig beruhigender Gedanke.

Angstmacher Beschleunigung
Der zweite Grund für Beunruhigung vieler Menschen: Beschleunigung. Die Schallmauer in der Geschwindigkeit der Entwicklung wurde vor 10 Jahren durchbrochen: Im Jahr 2007 revolutionierte Apple den Smart-Phone-Markt, mit Facebook (ist seit dem 26. September 2006 für die Öffentlichkeit verfügbar) und dem seit 2007 existierenden Kurznachrichtendienst Twitter begann ebenfalls vor 10 Jahren die Social-Media-Revolution. Seit 2007 existiert die Plattform AirBnB, die der Shared Economy zum Durchbruch verhalf, indem man dort seine Wohnung für Touristen anbieten kann. Google stellte 2007 das Betriebssystem für mobile Geräte Android vor, bei IBM begann man vor 10 Jahren mit der Arbeit an Watson, dem Supercomputer für künstliche Intelligenz.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-11-03 18:20:14
Letzte nderung am 2017-11-05 15:00:21



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