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Update: 09.02.2018, 20:22 Uhr

Digitalisierung

Indiens vollkommen gläserne Bürger




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Von WZ-Korrespondentin Agnes Tandler

  • Mehr als eine Milliarde Inder sind inzwischen biometrisch erfasst worden: Ursprünglich zum Schutz der Armen gedacht, ist die Mega-Datenbank heute ein Überwachungsprojekt.

2009 ist Aadhaar als Versprechen an die Armen gestartet. Mit der Identifikationsnummer sollten staatliche Hilfen endlich denen zugutekommen, die sie am nötigsten brauchen.

2009 ist Aadhaar als Versprechen an die Armen gestartet. Mit der Identifikationsnummer sollten staatliche Hilfen endlich denen zugutekommen, die sie am nötigsten brauchen.© reuters 2009 ist Aadhaar als Versprechen an die Armen gestartet. Mit der Identifikationsnummer sollten staatliche Hilfen endlich denen zugutekommen, die sie am nötigsten brauchen.© reuters

Neu Delhi. "Nichts funktioniert. Wir sind aufgebracht", sagt die 60-jährige Witwe Shanno Devi in Neu Delhi. Die Frau, die von Lebensmittelkarten lebt, hat seit Jänner kein Essen mehr erhalten. Schuld daran ist ein Problem bei der Einspielung ihrer biometrischen Daten. Seit Jänner bekommt in Indiens Hauptstadt nur noch staatliche Hilfen, wer seine Aadhaar-Nummer vorlegt und Fingerabdrücke abgibt. Bereits im Oktober hatte die Stadtregierung die Daten aller zwei Millionen Einwohner, die Anrecht auf staatliche Unterstützung in Form von Reis und anderen Nahrungsmitteln haben, mit der Aadhaar-Datenbank verknüpft, in der 1,2 Milliarden Indern - 99 Prozent der erwachsenen Bevölkerung - inzwischen registriert sind.

Das größte biometrisch gestützte Digitalisierungsprojekt der Welt hatte 2009 mit einem Versprechen an die Armen begonnen: Mit Hilfe einer nur einmal vergebenen zwölfstelligen Zahlenkombination sollte der Missbrauch von Lebensmittelkarten unterbunden werden und die staatlichen Hilfen sollten endlich denen zugutekommen, die sie am nötigsten brauchten. Die Nummer eines jeden indischen Bürgers sollte in einer einzigen zentralen Datenbank mit seinen persönlichen Angaben, seiner Adresse, einem Foto, zehn Fingerabdrücken und zwei Iris-Scans gespeichert werden.


Ohne Nummer kein Bar-Besuch
Der hoch angesehene Nandan Nilekani, Mitbegründer des IT-Erfolgsunternehmens Infosys, übernahm die Leitung des Datenprojektes und wechselte dazu von der Privatwirtschaft in den Staatsdienst. Aadhaar, was in der Hindi-Sprache so viel wie "Grundlage" bedeutet, wurde Nilekanis Vorzeigeprojekt. Es solle, so Nilekani, die Bürger in die Lage versetzen, "das zu bekommen, was sie verdienen". Die Weltbank lobte das Programm als "das anspruchsvollste Ausweis-Programm der Welt".

Von 2009 bis 2017 besuchten Nilekanis Mitarbeiter jeden Winkel Indiens, um die gesamte Bevölkerung zu erfassen. Als 2014 die Regierung wechselte und Narendra Modi, ein Kritiker des Aadhaar-Programms, die Regierung übernahm, machte sich Nilekani umgehend persönlich auf, um für den Erhalt des Projektes zu werben. Nilekani stellte die Vorzüge des Systems vor, zerstreute Sicherheitsbedenken und unterstrich, wie wenig Geld das Projekt bisher gekostet habe.

Heute geht ohne die Aadhaar-Nummer in Indien kaum noch etwas. Sie ist die Voraussetzung, um ein Bankkonto, eine Telefonnummer oder eine Kreditkarte zu bekommen, aber auch, um zu heiraten.

Heute geht ohne die Aadhaar-Nummer in Indien kaum noch etwas. Sie ist die Voraussetzung, um ein Bankkonto, eine Telefonnummer oder eine Kreditkarte zu bekommen, aber auch, um zu heiraten.© afp Heute geht ohne die Aadhaar-Nummer in Indien kaum noch etwas. Sie ist die Voraussetzung, um ein Bankkonto, eine Telefonnummer oder eine Kreditkarte zu bekommen, aber auch, um zu heiraten.© afp

Das Treffen mit dem neu gewählten Premierminister war ein voller Erfolg für Nilekani: Wenige Tage später erhielt Aadhaar ein zweites Leben: Das Projekt, das ursprünglich eine freiwillige Registrierung vorsah, wurde unter Modi immer mehr zu einem verpflichtenden System ausgebaut. Inzwischen geht ohne Aadhaar-Nummer kaum mehr etwas. Die Registrierung in der nationalen Datenbank ist Voraussetzung, um ein Bankkonto, eine Telefonnummer oder Kreditkarte zu bekommen. Ebenso braucht man die zwölfstellige Nummer, um Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, zu heiraten oder Grundstücke zu registrieren. Kürzlich machte die Verwaltung in der Stadt Hyderabad Aadhaar sogar für einen Bar-Besuch obligatorisch. Wer in der südindischen Metropole ein Glas Wein oder Bier trinken möchte, muss seine Karte vorzeigen. "Gibt es ein Leben ohne Aadhaar?", fragte daher kürzlich eine Zeitung.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-09 18:41:22
Letzte nderung am 2018-02-09 20:22:02



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