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Update: 20.04.2017, 17:03 Uhr

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Von WZ-Korrespondentin Veronika Eschbacher

  • Bei seiner Entwicklerkonferenz stellte Facebook zwei Projekte vor, die nach Science Fiction anmuten: Menschen sollen künftig mit ihrem Gehirn tippen und ihrer Haut hören können.

"Näher als Sie realisieren" liege die Fähigkeit, direkt aus dem Hirn zu schreiben, meint Regina Dugan.

"Näher als Sie realisieren" liege die Fähigkeit, direkt aus dem Hirn zu schreiben, meint Regina Dugan.© reu/S. Lam "Näher als Sie realisieren" liege die Fähigkeit, direkt aus dem Hirn zu schreiben, meint Regina Dugan.© reu/S. Lam

San Jose. Nach der Präsentation von Regina Dugan verzog so manch einer das Gesicht zu einer erschrockenen Grimasse. "Das ist gruselig", war auf den Gängen der Konferenzhalle in San Jose zu hören. Bevor die Leiterin von Building 8, der Innovationsabteilung von Facebook, ihre "Gruseligkeiten" auf der alljährlichen Facebook-Entwicklerkonferenz in Kalifornien preisgab, hatte sie weit ausgeholt. Das menschliche Gehirn, befand Dugan, sei wahnsinnig schnell. Es habe - in weltliche Vergleiche übersetzt - die Fähigkeit, 40 HD-Filme in einer Sekunde zu produzieren.

Auch wenn jemand nur zehn Prozent einsetze, etwa weil er seinen Morgenkaffee noch nicht hatte, seien dies immer noch vier HD-Filme pro Sekunde. Einfach nur reden sei viel zu langsam, um all diese Kapazitäten aus unseren Hirnen in die reale Welt zu bringen - es wäre wie der Versuch, vier HD-Filme mit einem Modem aus dem Jahr 1980 zu streamen. Daher arbeitet Facebook nun daran, unsere Hirnsignale direkt in Schrift auf dem Computer oder dem Smartphone umzuwandeln.

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"Die Fähigkeit, direkt aus dem Gehirn zu tippen, klingt unmöglich, aber sie liegt näher, als Sie realisieren", sagte Dugan und verwies auf aktuelle Forschungen der Universität Stanford. Eine gelähmte Frau kann heute dank erbsengroßer, ins Gehirn implantierter Elektroden acht Wörter pro Minute schreiben. Das ist ungefähr ein Drittel dessen, was menschliche Finger in der gleichen Zeitspanne in ein Smartphone tippen können.

Sensoren zur Abbildung
Dugan erklärte, es gehe nicht darum, zufällige Gedanken von Menschen zu dekodieren, denn niemand habe das Recht, die Überlegungen anderer in Erfahrung zu bringen. Es sei vielmehr vergleichbar damit, viele Fotos aufzunehmen und nur bestimmte davon zu teilen. Man könne jene Gedanken, die man teilen will, ohne das Smartphone herausholen zu müssen, senden, oder ein E-Mail schicken, "ohne die Party zu versäumen". Die Frage, wie glücklich der Gastgeber ist, wenn alle in die Luft starren, weil sie gerade mit ihren Hirnen elektronische Post versenden, bleibt freilich unbeantwortet.

Mittlerweile arbeiten 60 Spezialisten an dem Projekt. Ihr Ziel ist es, in "ein paar Jahren" ein System zu haben, das es ermöglicht, hundert Wörter pro Minute zu tippen - und zwar ohne den Menschen die Schädeldecke aufbohren zu müssen. Dazu sollen nicht-invasive Sensoren erfunden werden, die am ehesten auf optical imaging, also auf optischer Abbildung von Gehirnfunktionen, beruhen werden. Ein Nebeneffekt könnte sein, dass Menschen sich künftig unabhängig von Sprachen ausdrücken können - der Gedanke an eine Tasse könnte direkt mit dem Fremdwort für Spanisch umgesetzt werden.

Facebook ist mit seiner Forschung nicht alleine. Auch die Firma Neuralink, an der der Tech-Visionär Elon Musk, Geschäftsführer des Elektroautobauers Tesla und der Weltraumfirma SpaceX, beteiligt ist, erforscht, wie das Gehirn mit Computern vernetzt werden könnte, und will Elektroden entwickeln.

Auf der Facebook-Bühne war Dugan mit ihrer Präsentation aber noch nicht fertig. "Was, wenn wir es auch möglich machen, dass Sie mit Ihrer Haut hören?", fragte die 54-Jährige und stellte ein Video mit Freddie und Francis vor, zwei Mitarbeitern von Facebook. Francis trägt darin etwas, das einem Ärmel zum Überstreifen für Radfahrer gleicht und mit einem System an Aktivatoren ausgestattet ist, die in 16 verschiedenen Frequenzbereichen "feuern" können.

Einblick in Gefühle
Francis hat einen Wortschatz von neun Wörtern in gut einer Stunde erlernt. Drückt Projektleiter Freddie auf seinem Smartphone auf den Button, auf dem "Weiß" steht, "hört" - oder besser gesagt "fühlt" - Francis sozusagen die Form des Wortes weiß. Sie kann auch Sätze verstehen, etwa "Nimm den weißen Kegel".

Beide Systeme, sagt Dugan, wären nicht nur für taube oder blinde Menschen eine Verbesserung, sondern etwa auch für Analphabeten. Wie wohl sich allerdings Menschen dabei fühlen werden, wenn Facebook nicht nur einen Einblick in ihre Freundschaften, Vorlieben und Freizeitaktivitäten hat, sondern auch in ihre intimsten Gedanken, ist offen. Bisher haben es die Nutzer des sozialen Netzwerks aber - trotz Warnungen von Datenschützern - noch selten gruselig gefunden, wie viel Facebook bereits jetzt über sie weiß.




Schlagwörter

Facebook, Hirnsignale

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Dokument erstellt am 2017-04-20 17:00:14
Letzte Änderung am 2017-04-20 17:03:14



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