• vom 29.10.2017, 08:00 Uhr

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Update: 29.10.2017, 11:43 Uhr

Interview

"Wir sind auf dem Weg, zu Cyborgs zu werden"




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Von WZ-Korrespondentin Veronika Eschbacher

  • US-Autor Foer hält "Big Tech", die großen US-Technologieunternehmen, für eine existenzielle Bedrohung für die Menschheit und warnt vor Monopol.

Getty/Matjaz Slanic

Getty/Matjaz Slanic



In den vergangenen Jahren kannte "Big Tech" in den USA nur eine Richtung: die nach oben. Technologieunternehmen wie Facebook, Google, Amazon oder Apple steigerten mit jedem Tag ihr Ansehen, ihren Wert, ihre Marktdurchdringung. Als Aushängeschilder für Innovation und Entrepreneurship werkelten sie weitgehend unbehelligt an ihren Visionen, blieben von Washington unangetastet; Kritik an ihnen galt vielmehr als Gotteslästerung.

Nun aber dreht sich der Wind: Das Vorgehen von Big Tech und seine Monopolstellung wird immer stärker hinterfragt, Skandale rund um Sexismus, Fake News, Klickfang oder Wahlmanipulation sorgen für mehr als nur mehr Ärgernisse. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Schriftsteller Franklin Foer, der eben ein kritisches Buch über die US-Technologiekonzerne veröffentlichte, über die Auswirkungen des Vorgehens von Big Tech auf die Menschheit.


"Wiener Zeitung": Schon im Titel Ihres Buches bezeichnen Sie Big Tech als "existenzielle Bedrohung". Wird uns das Silicon Valley ins Verderben führen?



Franklin Foer: Ja, wenn es kein Gegengewicht gibt und wir zulassen, dass es weitergeht wie bisher. Die Situation rund um Datenschutz und Privatsphäre ist untragbar, unsere Interaktionen mit Medien und Nachrichten werden von diesen riesigen Plattformen gefiltert. Wir sind bereits dabei, mit Maschinen zu verschmelzen - unsere Mobiltelefone sind ja praktisch eine Verlängerung unserer Körper, an die wir Aufgaben auslagern - aber auf eine Art und Weise, in der wir nicht wohlüberlegt und umsichtig damit umgehen und nicht darauf achten, unseren menschlichen Kern zu bewahren. Wenn ich also sage, Big Tech ist eine existenzielle Bedrohung, heißt das nicht, dass wir alle mit einem Puff verschwinden. Das Problem ist vielmehr, dass die Elemente, die uns als Menschen ausmachen als Spezies, langsam verschwinden.

Da sind wir aber schnell bei einer Grundsatzfrage gelandet: Ist der technologische Fortschritt, den diese Firmen antreiben, zu stoppen? Es werden sich sicher Menschen finden, die etwa von Facebook ihre Gehirnströme direkt auf ihre Smartphones übertragen lassen.

Wir sind definitiv auf dem Weg, zu Cyborgs zu werden, und vielleicht gibt es wirklich keine Möglichkeit, das aufzuhalten. Ich glaube aber sehr wohl, dass wir die Fähigkeit haben, die Konditionen des Zusammenschlusses mit den Maschinen zu gestalten. Ich habe keinen profunden Hass gegenüber Technologie. Aber wir haben es zugelassen, in eine Situation zu rutschen, in der es einen unglaublichen Anteil von konsolidierter Firmenmacht gibt - der aber kaum "menschliches" Gegengewicht gegenübersteht. Es ist ein System, geschaffen von Ingenieuren, die nur über Effizienz nachdenken, die aber die damit verbundenen, großen politischen und ethischen Fragen nicht begreifen. Es ist jedoch möglich, eine bessere Zukunft zu schaffen als jene, in die wir hineingeschlittert sind - sei es über alternative Ideen, Gesetze oder Regulierung.

Facebook und Co. liefern immer philosophisches Unterfutter für ihre Visionen mit, warum sie also ein bestimmtes Ziel verfolgen. Können Sie diesen Philosophien nichts Positives abgewinnen?

Nehmen wir die Video-Ansprache von Facebook-Vorstand Mark Zuckerberg von vergangener Woche darüber, dass Facebook 3000 Werbungen, die während des US-Präsidentschaftswahlkampfes vermutlich aus Russland geschaltet wurden, dem US-Kongress vorlegen will. Mich haben zwei Sachen erschüttert: erstens Zuckerbergs offenbares Unvermögen, den Kern des Problems zu verstehen. Zweitens dieser beschwingte, heitere Optimismus, den er ständig hinausschleudert, der ja in Wirklichkeit fast ein bisschen unmenschlich ist. Ich bin mir nicht sicher, ob Zuckerberg jemals über Menschen nachdenkt. Er denkt über das System nach; für ihn ist alles eine Abstraktion. Es geht in allem nur um den Masterplan, Menschen zu verbinden. Die Menschen in seiner Welt sind aber nur Ziffern, ihre Emotionen nur Mittel, über die man sie per Algorithmus manipulieren kann.

Und das Ziel dieser Manipulation ist die Zerstörung ihrer Individualität, wie Sie in Ihrem Buch schreiben?

Wir haben ja die Vorstellung, dass die Unternehmer im Silicon Valley Libertäre sind. Libertäre huldigen dem heroischen Individualisten. Die Techies verehren aber vielmehr das Kollektiv, sie huldigen dem System. Sie wollen, dass alles in Gemeinschaftsarbeit gemacht wird, von der Crowd. Sie denken sehr viel über das System, die Crowd und das Beisammensein nach und haben wenig Respekt vor dem Individuellen, das dadurch verdrängt wird. Ihnen
ist Datenschutz, Privatsphäre egal, sie haben kein Interesse daran, ein kapitalistisches Wettbewerbssystem aufrechtzuerhalten. Wenn ich mir die Welt so ansehe, die sie erschaffen, hat sie nur die Illusion von individuellen Entscheidungen und die Illusion, dass wir uns heute besser ausdrücken können. In Wirklichkeit aber haben wir einen Schritt zurück gemacht - wir sehen mehr Konformismus in der Welt, wir denken heute insgesamt weniger nach. Das meine ich mit der Zerstörung der Individualität.

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Schlagwörter

Interview, Franklin Foer, Big Tech

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Dokument erstellt am 2017-10-27 17:47:11
Letzte ─nderung am 2017-10-29 11:43:38



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