• vom 07.02.2013, 15:02 Uhr

Spielplatz


Sozialverhalten

Frauen und Männer spielen anders




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  • Auch virtuelle Netzwerke werden anders organisiert
  • Österreichische Forscher analysierten Verhalten in Online-Rollenspiel.
  • Frauen haben engmaschigere Netzwerke und wirtschaften besser

Dank des Online-Spiels "Pardus" konnten die beiden Komplexitätsforscher Stefan Thurner und Michael Szell auf Daten über das soziale, wirtschaftliche, politische oder aggressive Handeln von rund 300.000 Spielern zurückgreifen.

Dank des Online-Spiels "Pardus" konnten die beiden Komplexitätsforscher Stefan Thurner und Michael Szell auf Daten über das soziale, wirtschaftliche, politische oder aggressive Handeln von rund 300.000 Spielern zurückgreifen.© Screenshot: Archiv Dank des Online-Spiels "Pardus" konnten die beiden Komplexitätsforscher Stefan Thurner und Michael Szell auf Daten über das soziale, wirtschaftliche, politische oder aggressive Handeln von rund 300.000 Spielern zurückgreifen.© Screenshot: Archiv

Wien. Mit Hilfe eines Online-Spiels wollen Wissenschafter der Medizinischen Universität Wien (MUW) mehr über das menschliche Sozialverhalten herausfinden. Die beiden Komplexitätsforscher Stefan Thurner und Michael Szell können dadurch auf Daten über das soziale, wirtschaftliche, politische oder aggressive Handeln von rund 300.000 Spielern zurückgreifen. In der Fachzeitschrift "Scientific Reports" wurden nun ihre Ergebnisse darüber publiziert, wie unterschiedlich Frauen und Männer in dem Spiel agieren. Im Gespräch zeigte sich Thurner überrascht, wie verschieden Mann und Frau ihre Netzwerke gestalten.

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Szell hatte das Online-Spiel "Pardus" ursprünglich aus spielerischem Interesse online gestellt. Dort ringen nun seit etwa acht Jahren "Händler, Piraten, Schmuggler und andere Piloten verschiedenster Rassen und Zugehörigkeiten um Wohlstand und Ehre im Weltall", heißt es auf der Homepage des Spiels.


Wer mit wem und warum
"Wir haben jede Aktion von jedem Spieler aufgezeichnet vorliegen. Wir haben also von einer zwar künstlichen, aber menschlichen Gesellschaft vollständige Information - das gibt es sonst nicht", erklärte Thurner. Die Forscher wissen, welche Geschäfte die Spieler abschließen, mit wem sie in Interaktion treten, wohin sie reisen oder wie sie Streit beginnen und wieder beenden. So weit kann man laut Thurner "nicht einmal in den wildesten Fantasien von George Orwell" in gesellschaftliche Abläufe blicken.

Bisher galt in den Sozialwissenschaften immer, dass man keine so genauen Einsichten gewinnen kann wie in den Naturwissenschaften, da genaue Daten fehlen, so der Forscher. "Wir wollen Sozialwissenschaften in eine naturwissenschaftliche Richtung bringen und vorausschauende Aussagen über ein soziales System machen." Dazu analysieren die Wissenschafter Netzwerke. Thurner: "Man kann ja eine Gesellschaft als Überlagerung verschiedenster Netzwerke sehen." Viele dieser Verbindungen ließen sich anhand der Daten rekonstruieren.

Die Forscher konzentrierten sich nun darauf, wie sich Frauen und Männer im dem virtuellen Raum bewegen. "Das spannendste, was wir sehen, ist, dass Frauen ihre Netzwerke viel dichter machen." Das heißt nicht, dass Frauen mehr Freunde haben oder mehr kommunizieren, sondern "sie schauen sehr darauf, dass die Leute, mit denen sie reden, untereinander auch reden", so Thurner. Männern hingegen sei das weit weniger wichtig. "Die männlichen Netzwerke sind viel ausgefaserter", die der Frauen "kompakter und sozial viel stabiler".

Frauen achten darauf, "den Kern zu erhalten", Männer "versuchen eher den Überblick zu haben", erklärte Thurner. Darauf würden auch die Daten über Freundesanfragen hindeuten. "Wenn eine Frau einer anderen Frau sagt 'ich bin deine Freundin', dann antwortet die andere darauf relativ schnell mit 'du bist auch meine Freundin'", so der Forscher. Unter Männern dauert das viel länger bzw. kommt häufig auch gar keine Antwort. Tritt hingegen eine Frau an einen Mann heran, zeigen Männer die schnellsten Reaktionen überhaupt - und das obwohl es in dem Spiel kein Ziel ist, Nachkommen zu zeugen oder romantische Beziehungen einzugehen.

"Wir hätten nie gedacht, dass wir so starke Unterschiede sehen, denn es geht in dem Spiel wirklich nicht darum, welches Geschlecht man hat", betonte Thurner. "Der Mensch ist ein soziales Wesen, und eine Hauptkomponente sind seine sozialen Netzwerke. Wenn soziale Netzwerke anders sind, ist der Mensch anders. Ich finde es faszinierend, dass in diesem Sinne Mann und Frau etwas andere soziale Wesen sind und das hier so sichtbar wird", so Thurner. "Was ich wirklich toll finde, ist, dass wir eventuell Evolutionsbiologie in einem Computerspiel des 21. Jahrhunderts sehen."

Frauen sind außerdem wirtschaftlich erfolgreicher als Männer, nehmen aber auch weniger Risiko auf sich. Den wirtschaftlichen Abläufen im Spiel wollen sich die Forscher künftig stärker zuwenden. Thurner: "Wir sehen zum Beispiel Fluktuationen bei Energiepreisen, die den Ölpreisschwankungen in der echten Welt nicht unähnlich sind."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2013-02-07 11:43:21
Letzte Änderung am 2013-02-07 11:48:47



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