
Brüssel/Wien. Zumindest eines hat die EU in dieser Verhandlungsnacht bewiesen: Sie treibt die Kunst der Weissagung zur Perfektion. Bis auf einen halben Prozentpunkt (120,5 Prozent) genau wollen die Experten die Verschuldungsquote Griechenlands vorhersagen können - wohlgemerkt nicht für heuer, sondern für 2020.
Erstaunlich, welche Treffsicherheit sich die Kommission zutraut - alle Prognosen der letzten zwei Jahre lagen weit daneben. Wachstum, Steuereinnahmen, Arbeitslosigkeit, Einsparungen, Privatisierungserlöse - das sind nur einige der offenen Variablen.
Gerettet ist Griechenland also bestenfalls auf dem Papier. Die (fast) gelungene Punktlandung bei 120 Prozent Schulden, die nun als Erfolg zelebriert wird, war eine politisch notwendige Übung, die ökonomisch wenig sinnvoll ist. Natürlich muss es für die Geldgeber und Investoren überprüfbare Benchmarks geben, ob Athen Fortschritte macht: Das ist schließlich die Bedingung für die Hilfspakete. Dies sklavisch an der Schuldenquote festzumachen, wäre aber absurd. Denn dass Griechenland mit 120 Prozent Verschuldung auf soliden Beinen steht, ist ebenso eine willkürliche Annahme. Laut der US-Ökonomin Carmen Reinhardt leidet eine Volkswirtschaft bereits ab 90 Prozent Schulden massiv.
Fragwürdige Annahmen

Auf welch wackeligen Beinen die Berechnungen stehen, zeigt die (vertrauliche) Analyse der Schuldentragfähigkeit. Es gebe signifikante Risiken, steht im Papier der Kommission - so sei zu hinterfragen, ob Griechenland sich nach Auslaufen des Hilfsprogramms eigenständig auf dem Kapitalmarkt mit Krediten versorgen kann. "Eine Verlängerung der Finanzhilfen zu angemessenen Konditionen durch den öffentlichen Sektor könnte notwendig sein", heißt es. Ob es mit dem neuen Hilfspaket, das bis 2014 läuft, getan ist, steht in den Sternen.
Etliche Annahmen sind fragwürdig - etwa, dass Griechenlands stark schrumpfende Wirtschaft 2013 stagniert und 2014 bereits um 2,3 Prozent wächst. Woher sollte Wachstum kommen, wenn der öffentliche Sektor massiv schrumpfen muss, der private Konsum einbricht und Investitionen weiter schwach bleiben?
Sehr optimistisch ist auch die Annahme, dass sich 95 Prozent der privaten Gläubiger am Schuldenschnitt beteiligen. Der Chefverhandler des Weltbankenverbandes, Charles Dallara, sagte, die Investoren werden selbst entscheiden, wie sie vorgehen. Es sei ein "solider Deal für Investoren, ein fairer Deal für alle Parteien und einer, der Griechenland bedeutend hilft." Legen sich Investoren quer und wird die Quote nicht erreicht, müsste die griechische Regierung rückwirkend die Anleihenbedingungen ändern. Das wäre wohl kein freiwilliger Schuldenschnitt mehr - ein langer Rechtsstreit würde drohen.
Das größte Fragezeichen steht aber hinter den enormen Einsparungen und Reformen, die von Griechenland erwartet werden. Kommt es hier zu Verzögerungen, landet die Schuldenquote 2020 nicht bei 120 Prozent, sondern wieder beim heutigen Ausgangspunkt von rund 160 Prozent, steht in dem Papier."Wir haben die Herausforderungen unterschätzt, die sich aus der Schwäche von Verwaltung und politischer Einigkeit in Athen ergeben", räumte selbst EU-Kommissar Olli Rehn ein.
Ob Griechenland die Kurve kratzen kann, hängt nicht davon ab, ob die Schuldenquote 2020 bei 120 oder 129 Prozent liegt. Vielmehr muss die Bevölkerung zu einer nationalen Anstrengung bereit sein, um die Wirtschaft auf Vordermann zu bringen - und gleichzeitig den harten Sparkurs zu erdulden. Wenn die Streiktage die Arbeitstage überwiegen, wird es nicht klappen. Der Erfolg wird ferner davon abhängen, ob die griechischen Parteien Reife und Verantwortung zeigen und die korrupte und ineffiziente Verwaltung erneuern.
Entscheidend ist aber auch, dass Deutschland und Co. einsehen, dass Griechenland nicht nur die Peitsche, sondern auch Zuckerbrot braucht, um zu wachsen. Und die europäischen Partnerländer müssten zu weiterer Solidarität bereit sein, falls es Rückschläge gibt - selbst, wenn dafür ein drittes Hilfspaket nötig wäre.
Die juristischen und polizeilichen Institutionen der Mitgliedsstaaten sind im Rahmen mehrerer Einrichtungen vernetzt...
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