• vom 29.08.2012, 16:18 Uhr

Ausbildung & Arbeitswelt

Update: 29.08.2012, 16:33 Uhr
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Die Lerncafés der Caritas wurden in wenigen Jahren zum unerwarteten Erfolgsmodell

Kein Schulabbrecher mehr


Von Martina Pock

  • Der Andrang ist so groß, dass nicht alle Kinder angenommen werden können.

Florin Ailenei (l.) und Silke Strasser mit den Kindern im Lerncafé Graz-Gries. - © Armin Sakelschegg

Florin Ailenei (l.) und Silke Strasser mit den Kindern im Lerncafé Graz-Gries. © Armin Sakelschegg

Graz. Etwa 100 Kinder besuchen in Graz zurzeit täglich den "GraGustl". Das Wortspiel aus "Graz" und "August" bezeichnet ein integratives Freizeitprogramm der Caritas Graz, genauer der Lerncafés. Am Vormittag wird gemeinsam gelernt, am Nachmittag gespielt und gesportelt. Einige Grazer Sportvereine stellen dabei den Kindern ihre jeweiligen Sportarten vor. Im September, mit Schulbeginn, startet wieder der reguläre Betrieb, bei dem das Lernen noch mehr im Vordergrund steht.

Das Lerncafé in Graz-Gries war das erste von insgesamt drei in Graz. Die meisten der 6- bis 15- jährigen Kinder kommen fast täglich her. Der Zulauf ist größer als je zuvor. Deutsch ist die Umgangssprache, Gewalt verboten. Bezahlen müssen die Eltern nichts. Das Integrationsreferat der Stadt Graz und der europäische Integrationsfonds finanzieren die Einrichtung. Das Team besteht aus Freiwilligen, von Studenten bis hin zu Pensionisten.

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Das Projekt expandiert stetig. Die Steiermark zählt heute fünf Lerncafés, ein weiteres ist in Leibnitz geplant. Dass diese Art der Nachmittagsbetreuung so ein Erfolg werden würde, hat 2007, als das erste Café gegründet wurde, niemand erwartet. "Wenn die Stadt Graz nicht an diesen Pilotversuch geglaubt und uns mit 15.000 Euro unterstützt hätte, hätte alles nicht so funktioniert", sagt Projektleiterin Silke Strasser. Schon nach einem Monat gab es 150 Anmeldungen. Mittlerweile hat jedes Bundesland ein Lerncafé, in Wien sind es zwei: am Hebbelplatz und in der Per-Albin-Hansson-Siedlung. Die Nachfrage ist groß, die Wartelisten lang.

Hauptziel ist, dass alle Kinder die Pflichtschule abschließen. "In den letzten fünf Jahren ist kein einziges Kind, das unser Lerncafé besucht hat, durchgefallen oder hat die Schule abgebrochen. Es gibt keine Schulschwänzer und viele wechseln ins Gymnasium", erzählt Silke Strasser stolz. Sie ist eine derjenigen, die das Projekt ins Leben gerufen haben. "Wir haben es quasi erfunden."

Doch es geht nicht nur um den schulischen Erfolg. Vor allem auch die sozialen Kompetenzen der Schüler sollen durch das Miteinander gestärkt werden. "Die Kinder sollen lernen zu sagen, wenn sie etwas nicht verstehen oder wenn sie unfair behandelt werden", erklärt Strasser. "Ein Mädchen hat uns einmal erzählt, dass ihr gesagt wurde, sie würde in Deutsch nie ein Sehr gut bekommen, weil sie ein Kopftuch trägt. Der Fall wurde von uns angezeigt, der Lehrer musste sich bei dem Mädchen entschuldigen."

Das Angebot geht weit über Nachhilfe hinaus. Die Betreuer machen mit den Kindern Ausflüge und Picknicks oder besuchen das Theater. Bei den Picknicks sind auch die Eltern eingeladen. Die meisten Schüler im Lerncafé stammen aus Drittstaaten. Bei heimischen Kindern ist die Nachfrage eher gering - das Verhältnis liegt bei etwa 70 zu 30, die meisten davon kommen unregelmäßig und "holen sich das ab, was sie brauchen", sagt Strasser.

Bedarf an Nachhilfe steigt
Woran liegt es, dass der Bedarf an Nachhilfe in Österreich immer weiter steigt? "Den meisten Lehrern wird in ihrer Ausbildung vermittelt, dass sie sich viel fachliche Kompetenz aneignen müssen, aber keine soziale", meint Silke Strasser. Viele Wörter in den Schulbüchern würden die Kinder nicht verstehen, andererseits würden die Lehrer mehr Zettel austeilen, als die Bücher im Unterricht benützen. Deshalb könnten Kinder daheim "nicht richtig üben und lernen so auch nicht, wie man strukturiert arbeitet".

Florin Ailenei, Leiter des Lerncafés in Gries, stimmt zu: "Früher war es in der Schule üblich, ein Buch Seite für Seite, Kapitel für Kapitel durchzunehmen. Nun macht man hier ein bisschen was und dort ein bisschen was. Das verwirrt die Kinder", erzählt der gebürtige Rumäne und Theologe, der gerade an seiner Doktorarbeit schreibt. "Wenn man nicht in dem Land lebt, in dem man geboren ist, muss man mehr arbeiten, um sich durchzusetzen". Wegen der Herkunft habe es bisher aber nie Konflikte unter den Kindern gegeben, wie auch Strasser bestätigt.

Auch dem arabischstämmigen Abdul und dem türkischstämmigen Muhammed ist das egal. Beide messen sich an einem Lern-Nachmittag im Schnelllesen. Abdul möchte Polizist werden, Muhammed weiß es nicht genau, aber Maler fände er schön.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-29 16:23:06
Letzte Änderung am 2012-08-29 16:33:59


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