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  • Artikel vom 20.09.2011, 16:23 Uhr

Gesellschaft

Update: 21.09.2011, 11:23 Uhr
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Der Soziologe und Integrationsforscher Kenan Güngör über das Verhältnis zwischen Österreichern und Türken

"Bei uns gibt es Türken-Bashing"


Von Stefan Beig
  • Türkophobie im Spiegel bipolarer Weltbilder - Islam versus Moderne.
  • Außenpolitik müsse heutige Realitäten ernst nehmen.

Für Güngör ist der Dualismus Türke/Kurde versus Österreicher kein Zukunftsweg. - © ©Michael Hetzmannseder

Für Güngör ist der Dualismus Türke/Kurde versus Österreicher kein Zukunftsweg. © ©Michael Hetzmannseder

"Wiener Zeitung": Türkischsprachige Matura, türkische Schule, Moschee, EU-Beitritt der Türkei: Warum sorgt das alles in Österreich für solche Aufregung? Ist hier die Türkophobie ausgeprägter als in Deutschland?

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Kenan Güngör: Leider ja! Dabei ist die türkeistämmige Community in Deutschland mit 2,5 Millionen Menschen die mit Abstand größte ethnische Gruppe. Da würde ich es eher verstehen, wenn dort mehr Spannungen existieren als in Österreich, wo Austrotürken nur drittgrößte Migrantengruppe sind. Laut Rankings ist die Fremdenfeindlichkeit in Österreich größer als in Deutschland. Zur Türkophobie fehlen vergleichende Studien. Deutschland hat aber im Gegensatz zu Österreich keine historischen Reminiszenzen. Die Türkenbelagerung als historisch instrumentalisierbares Narrativ fehlt.

Die Geschichte ist Grund für die heimische Türkophobie?

Es geht nicht nur um Geschichte, sondern um die politische Instrumentalisierung geschichtlicher Narrative. Die Feinde vom Zweiten Weltkrieg sind erfreulicher Weise die Freunde von heute. Umgang mit Geschichte ist selektiv. Das Interesse an Geschichte ist immer den Fragen und Anliegen der Gegenwart geschuldet und sagt viel über diese aus. Wenn bestimmte Themen wie etwa die Türkenbelagerung - auch wenn sie noch so viele Jahrhunderte zurückliegt - immer wieder aktualisiert werden, dann soll sie gegenwärtige Feindbilder historisch unterfüttern. Das Feindbild des "ewigen Türken" wird konstruiert und dient dem abgrenzenden Fremdmachen.

Besonders eine Partei hat historische Klischees aufgegriffen.

Die FPÖ steht hier eher in der austrofaschistischen Linie, die aber über sie hinausreicht. Die Klischees existieren auch im bürgerlichen und sozialdemokratischen Lager. Die Politik bedient, was schon ältere Generationen in der Schule gelernt haben, so wie auch Schulbücher in den USA Deutschland stark auf die Nazi-Zeit reduzieren. Solche politische Strömungen leben davon, dass man sagt: "Es war immer schon so, da ist was Wahres dabei." Das ist das eigentlich Gefährliche!

Der starke Fokus auf Türken ist eine neue Entwicklung der Ausländer-Debatte.

Das hat in den letzten 15 Jahren stark zugenommen. Als die Ausländerfeindlichkeit so pauschal nicht zu rechtfertigen war - schließlich gibt es etwa auch Deutsche -, fand eine zynische Differenzierung statt. Zuerst wurde zwischen kriminellen und nicht-kriminellen Ausländern unterschieden, dann steuerte man auf die Frage zu: Wer ist uns am meisten kulturfremd? Es sind jene, die weder Christen noch Europäer sind. Die Türken sind hier die größte Gruppe. Der 11. September führte schließlich zu einer Kulturalisierung bipolarer Weltbilder - der Islam versus die Moderne.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2011-09-20 16:30:11
Letzte Änderung am 2011-09-21 11:23:18


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