• vom 02.11.2011, 17:47 Uhr

Gesellschaft

Update: 03.11.2011, 18:32 Uhr
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Das Theaterstück "Gipsy stop dancing" macht das Palais Kabelwerk zum Boxring

Eine Roma-Frau schlägt zu


Von Selina Nowak

  • Wenn eine junge Romni ungarische Boxmeisterin wird, ist das ein Politikum.

Boxt sich durch - Sandra Selimovic als junge Romni.

Boxt sich durch - Sandra Selimovic als junge Romni. Boxt sich durch - Sandra Selimovic als junge Romni.

Wien. Bei Musik und Tanz denken viele an Sinti und Roma. Aber bei Boxen? "Wir haben unsere Geschichte bewusst so gewählt", sagt Schauspielerin Sandra Selimovic, denn: "Wer verbindet schon Sport und Roma?" Sie und ihre Schwester Simonida Jovanovic sind Gründerinnen des Roma-Theatervereins "Romano Svato" und haben das Stück "Gipsy stop dancing" geschrieben.

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Angelehnt ist die Handlung an die Biografie des deutschen Sinto Boxers Johann "Rukeli" Trollmann, der von den Nazis verfolgt und im KZ umgebracht wurde. "Es ging uns nicht darum, die Biografie eines toten Sinto zu erzählen, sondern sein Schicksal ins Heute zu verlegen", erklärt Selimovic, die Hauptdarstellerin. In "Gipsy stop dancing" steht eine junge Romni kurz davor, den ungarischen Meistertitel im Boxen zu holen und wird zum Angriffsziel einer rechtsextremen Regierung. Das zweisprachige Theaterstück ist somit doppelt emanzipatorisch: Es handelt von den Problemen der Roma und denen der Frau in einer Männerdomäne.

Und es soll davor warnen, dass sich Geschichte schneller wiederholen kann, als man glaubt. Auch die Boxerin ist zunächst naiv und sieht nicht, was sich zusammenbraut, glaubt, dass die schlimmen Dinge, von denen man hört, immer nur den anderen passieren. Sie wird eines Besseren belehrt.

Romadiskriminierungen passieren auch heute noch. In Osteuropa sehen sich Roma und Sinti teils regelrechten Hetzkampagnen ausgesetzt, etwa in Ungarn, wo arbeitslose Roma in "gemeinnützige" Arbeitslager gezwungen werden. Um die aufgeladene Atmosphäre nur einige Autostunden von Wien entfernt herauszustreichen, arbeitet die Produktion mit Videos, die im Hintergrund einiger Szenen zu sehen sind. Es sind Bilder, die man in den Medien nur sporadisch sieht, wie abgefackelte Roma-Häuser oder ein Vorfall auf einer slowakischen Polizeistation im Jahr 2009: Polizisten hatten aufgegriffene Romakinder gezwungen, sich nackt auszuziehen und gegenseitig zu ohrfeigen. Die Demütigungen wurden von einem der Polizisten gefilmt.

Doch ist auch Österreich keine Insel der Seligen. Ausgedehnte mediale Debatten um "kriminelle Zigeunerbanden" und Bettelverbot heizen die Stimmung an. Aber auch in Roma-Familien ist nicht alles heile Welt, weiß Selimovic. Die Roma-und-Sinti-Gesellschaft sei noch immer eine Machogesellschaft, meint die Schauspielerin. Der Mann als Familienoberhaupt repräsentiere den Clan nach außen, Frauen müssten sich unterordnen.

Als Schauspielerin belächelt
Ihre eigene Familie würde ihre Tätigkeit als Schauspielerin belächeln. "Das passt für viele überhaupt nicht zusammen, dass eine junge Romni, anstatt eine hübsche Braut zu sein, in ein Boxerkostüm schlüpft und in den Ring steigt." Selimovic fordert junge Roma-Frauen auf, mit alten Familienstrukturen zu brechen, selbstbestimmt ihr Leben in die Hand zu nehmen, sich für Bildung, Politik und Kunst zu interessieren - ohne dabei den Anschluss an Familie und Herkunft zu verlieren.

Diesen Typus der modernen Romni verkörpert auch ihre Schwester Simonida Jovanovic. Auch auf der Bühne spielt sie die Rolle der großen Schwester und ist das Bindeglied zwischen Familie und Boxerin. Jovanovic will, dass sich vor allem Roma, die gute Positionen erlangt haben, in der Gesellschaft selbstbewusster zeigen. Doch die meisten hätten Angst, ihre Herkunft zuzugeben, aus Angst, diskriminiert zu werden. "Die Mehrheit der Serben in Wien sind Roma", schätzt sie. "Es ärgert mich ungemein, wenn sie das nicht zugeben und behaupten, ihre dunkle Hautfarbe komme vom Solarium."

Sie selbst geht offen mit ihrer Roma-Identität um, hat es schon oft erlebt, dass Leute ihr im Zweiaugengespräch gestanden hätten, ebenfalls Roma zu sein, mit der Bitte: "Sag das nicht weiter." Jovanovich hat früher als Poker-Croupier gearbeitet. Ihre Chefin und viele Kollegen waren Roma. Ihr sei jedoch in einem persönlichen Gespräch verboten worden, dies öffentlich zu erwähnen. "Kurz darauf bin ich gekündigt worden."

Gegen diese Selbstzensur treten die beiden Schwestern ein. Seit ihrer Kindheit sind sie schauspielerisch auf der Bühne und vor der Kamera aktiv. Ihr Ziel ist es, mit ihrem noch jungen Theaterverein "Romano Svato" Lebenswelten von Roma fernab aller Klischees zu zeigen. Ihre Produktionen sollen "positiv Aufmerksamkeit erzeugen und neue Idole schaffen", sagt Sandra Selimovich. Das Boxen lernte sie - und auch ihre Ringgegnerin auf der Bühne Mariana Huidobro - erst vor kurzem. Über den Sommer wurden sie im Kampfsportcenter Dan auf "Vorderfrau" gebracht und haben trainiert.

Am Ende wird es zum großen Finalkampf kommen. Zu sehen wieder am 5., 6., 7., 8., 9., 10. und 11. Dezember 2011. Beginn ist jeweils um 20 Uhr.




Schlagwörter

Sinti, Boxen, Roma, Rassismus, Theater

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2011-11-02 17:17:14
Letzte Änderung am 2011-11-03 18:32:48


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