• 23. Mai 2012

  • RSS abonnieren
  • Wiener Zeitung auf Facebook
  • Auf Twitter verfolgen

Sie sind hier:


  • Artikel vom 17.02.2012, 19:25 Uhr

Gesellschaft

Update: 17.02.2012, 19:25 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (1)
  • Lesenswert (3)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Die griechische Community sorgt sich um ihre Verwandten und versucht, finanziell zu helfen

Griechen sind nicht wie Deutsche


Von Yordanka Weiss
  • Heimische Griechen erwarten Mentalitätswechsel in ihrem Land.

Ein Bild aus besseren Zeiten: griechische Fußballfans bei der EM 2008 in Wien.

Ein Bild aus besseren Zeiten: griechische Fußballfans bei der EM 2008 in Wien.

Wien. Griechenland schnallt den Gürtel nicht zum ersten Mal enger. Schon drei Mal war Athen in einer ähnlichen Situation und konnte aufgenommene Kredite nicht bedienen. Zuerst im Jahr 1843 unter der Regentschaft des aus Bayern "importierten" Königs Otto Friedrich Ludwig von Wittelsbach. 1893 folgte ein weiterer finanzieller Kollaps wegen eines kostspieligen Modernisierungsprogramms. Das dritte Mal passierte es 1932 als Folge der globalen Wirtschaftskrise von 1929.

Werbung

Zurzeit möchte in Athen jeder, der ein Diplom hat und fremde Sprachen kann, ins Ausland ziehen. "Diese Krise ist die schwerste nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Situation ist dramatisch", erzählt Christina Chrysanthakopoulou, eine junge Diplomatin, die in der Griechischen Botschaft arbeitet. Die Suche nach einem Arbeitsplatz wird schwieriger, die Steuerbelastungen - unerträglich. Athen ist teurer als Wien, die Gehälter befinden sich im freien Fall. Das Sparen hat die Lebensgewohnheiten stark verändert, wirkt sich auf die Lebensqualität aus. Die Anzahl der Notleidenden steigt. Viele seien aber bereit, ihren Mitmenschen zu helfen.

Rund 5000 Griechen leben in Wien. Die Stimmung ist trüb. Man macht sich Sorgen um Familie und Freunde, ist aber froh, außerhalb des kriselnden Landes zu sein. Als die Kinder von Kastelorizo, einer kleiner Insel im östlichen Mittelmeer, keine Schulausstattung mehr hatten, wurde bei einer Veranstaltung mit griechischer Musik Geld gesammelt; es kamen auch viele Österreicher. Damit kaufte man Stifte, Bücher und Schulsachen und schickte sie nach Kastelorizo. "Die Krise kommt langsam nach Österreich", meint Alexandros Andralis, Obmann des Vereins griechischer Studenten und Akademiker. Deshalb plant er eine Diskussion, bei der griechische Intellektuelle über die schmerzhaften Erfahrungen ihrer Heimat berichten.

Griechische Spuren in Wien
Die Einwanderung nach Österreich fing im 17. Jahrhundert an. Die "griechischen Spuren" in Wien sind nicht zu übersehen. Der Bankier Georg Simon von Sina kannte die Arbeit des dänischen Architekten Theophil Hansen in Athen und holte ihn nach Wien. Hansen war bedeutender Vertreter des Klassizismus, der sich am griechischen Tempelbau orientierte. Seine "griechische" Unterschrift tragen der Musikverein, das Parlament, das Börsegebäude, die Akademie der bildenden Künste.

Damit ein guter Weg aus der finanziellen Misere gefunden wird, müssten internationale Entscheidungsträger die Mentalität der Menschen kennenlernen, meint Adamantios Skordos vom Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien. Angela Merkel möchte auf deutsche Art die Griechen disziplinieren. Dies funktioniere nicht: "Es geht nicht um den Willen, sondern um die Fähigkeit zu Reformen."

In der Militärdiktatur (1967-1974) wurde in Griechenland der Konsum angekurbelt, meint Adamantios Skordos vom Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Universität Wien. Das Ergebnis: eine auf Krediten aufgebaute Wohlstandsgesellschaft. Politiker wurden "als zweite Eltern, die einen guten Job sichern" betrachtet. Man wuchs mit dem Traum eines sicheren Lebens als Beamter auf. Das Land bestehe aus Beamten und Beschäftigten im Tourismus, Industrie gebe es keine.

Historiker führen den aufgeblähten Staatsapparat auf den Griechischen Bürgerkrieg zurück. Die rechten Bürgerkriegssieger haben ab 1949 ihre Anhänger mit Posten im Staat belohnt. Als die Sozialisten 1981 an die Macht kamen, wurden dem linken "Klientel" Beamtenposten gesichert. Die Mehrzahl dieser Jobs entsprach nicht den realen Bedürfnissen des Staatsapparates. Von diesem Hintergrund ist das Entlassen von Beamten problematisch, da es die Betroffenen als politische Verfolgung wahrnehmen. Für Skordos ist es sicher, dass die junge Generation aus der Krise lernen werde, dass Leistung wichtiger ist als Beziehungen zu knüpfen.

Siehe auch Seite 26




Schlagwörter

Vorurteile, Stereotype

1 Leserkommentar




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2012
Dokument erstellt am 2012-02-17 17:32:05
Letzte Änderung am 2012-02-17 19:25:11


Beliebte Inhalte



"Ein Migrationsstaatssekretariat würde ich begrüßen." - © © Bubu Dujmic
  • Leiter der Abteilung für Sozialpolitik der Wirtschaftskammer, fordert eine Migrationsstrategie für erforderliche Zuwanderung.
  • weiter

Die bisher größte Trauerveranstaltung der Tscherkessen in Istanbul am Sonntag. - © OÄ?uz Demir
  • Seit 1864 leben die Tscherkessen in der Diaspora, ihre Sprache gilt als gefährdet.
  • weiter

Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner findet die Rot-Weiß-Rot-Karte ausbaufähig. - APAweb/Georg Hochmuth
  • Arbeitslosigkeit seit Arbeitsmarktöffnung vor einem Jahr gesunken.
  • weiter

"Das Theaterpublikum ist ein Ghettopublikum." - Rania Moslam
  • Hubsi Kramar im Gespräch über Politik, sein Stück, das Publikum und den Hitler "in mir selbst".
  • weiter

H.-P. Feldmann, "Rote-Nasen-Doppelporträt". - Todd White/Courtesy Simon Lee Gallery, London
  • Die Schau "Fremde überall - Foreigners everywhere. Zeitgenössische Kunst aus der Pomeranz Collection" ist demnächst im Jüdischen Museum Wien zu sehen.
  • weiter



Werbung



Schlagwörter



Mit Gewinnspiel

Nicht einfach auf Zahlen zählen

20120509statistik - © Michael Nivelet - Fotolia.com Zahlen sind verlässlich. Sie vermitteln ein Gefühl der Sicherheit, der Wahrheit, der Objektivität. Doch sie sind nicht einfach neutral... weiter




Lesebuch und Zeitgeschichte zugleich

Zwischen zwei Welten

20120330traiskirchen - APAweb/HELMUT FOHRINGER "Man hat mich mit elektrischen Kabeln geschlagen, wovon ich heute noch Spuren habe. Mein ganzer Körper war eine einzige Wunde... weiter



Jüdisch leben

Menschenschlangen

20120521_weiss1 - Weiss Am Sonntag öffneten sich die Türen der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien in der Seitenstettengasse und der Einladung kamen überraschend viele... weiter



Videos zum Thema Xenophobie

Video-Interview Thema Xenophobie 2


Video-Interview Thema Xenophobie



Veranstaltungstipp

Ute Bock Cup

20120507utebock - utebockcup.at Wien. Der Name ist Programm: "Grenzenlos kicken" hat das Ziel, ein lautstarke Zeichen gegen die Ausgrenzung von Menschen in Not zu setzen... weiter




Porträt Emilie Flöge, 1902
Gustav Klimt
Öl auf Leinwand

Vergessenes wurde wiederentdeckt. Im Naturhistorischen Museum freut man sich über die Belebung des Museums durch die Arbeit des Künstlers Daniel Spoerri. (Im Bild: "Austernschabracken-Pferdeskelett-Spießbock-Kümmerer" von Spoerri.) Blick auf das Werk "Sevilla-Series, No. 1, Tapir" des Künstlers Daniel Spoerri im Rahmen der Ausstellung "ein inkompetenter Dialog?" im Naturhistorischen Museum in Wien. Die Ausstellung ist vom 23. Mai bis 17. September 2012 zu sehen. (21. Mai)
Siehe auch: http://bit.ly/JrMvnU

Ein Demonstrant zeigt der berittenen Polizei das Victory Zeichen.  Hunderte Amerikaner gingen am Wochenende auf die Straße, um gegen den NATO-Gipfel in Chicago zu protestieren. Das amerikanische Model Lydia Hearst posiert für die Kamera.

Werbung