• vom 09.05.2012, 19:07 Uhr

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Am Freitag findet die internationale Konferenz "Gegen Zwangsheirat" in Wien statt

"Fälle sind bunt gemischt"


Von Stefan Beig

  • Die klassischen Fälle von Zwangsehe in traditionellen Milieus werden seltener.

Tamar Çitak fordert mehr Anlaufstellen für Betroffene in den
Bundesländern.

Tamar Çitak fordert mehr Anlaufstellen für Betroffene in den
Bundesländern.
© Krobath Barbara / picturedesk.com Tamar Çitak fordert mehr Anlaufstellen für Betroffene in den
Bundesländern.
© Krobath Barbara / picturedesk.com

Wien. "Wenn sich eine Person nicht traut, nein zu sagen, ist das bereits eine Zwangsehe", betont Tamar Çitak, Beraterin der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie. Zwischen arrangierter Ehe und Zwangsverheiratung wird hier nicht unterschieden. "Nur wenn Gewalt im Spiel ist, spricht man in der Öffentlichkeit von Zwangsehe, aber bei uns macht das keinen Unterschied." Im Beratungsgespräch höre Çitak auf die Frage "Wurden Sie zwangsverheiratet?" zunächst ein klares "Nein!". Doch auf die Nachfrage "Wollten Sie heiraten?" ist die Antwort ebenfalls verneinend: "Meine Familie wollte diese Ehe so gern, und ich wollte sie nicht beleidigen", heiße es öfters.

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Mit Zwangsehen ist Tamar Çitak seit 20 Jahren konfrontiert. Als Sozialarbeiterin der ersten Stunde war sie früh in feministischer Mädchenarbeit aktiv. Die Problemfälle haben sich seither stark verändert. "Früher traten die Probleme vor allem in traditionellen Familien auf. Die Eltern hatten Angst, ihre Töchter könnten in ein anderes Milieu geraten, sobald diese begannen, sich freier zu bewegen. Doch heute sind die Fälle bunt gemischt. Ich stoße auf Frauen aus allen Schichten und war darüber selbst überrascht." Çitak wird am Freitag bei der internationalen Konferenz "Gegen Zwangsheirat. Maßnahmen für ein selbstbestimmtes Leben" darüber reden. Organisiert wird die Tagung von der Wiener Frauenservicestelle "Orient Express".

Die klassischen Beispiele von Zwangsheirat in traditionellen Kreisen werden seltener, weil die zweite und dritte Generation schon stärker in Österreich verankert ist, sich hier bereits eigenständig bewegen und gegen solche Zwangspraktiken wehren kann, betont Çitak. Manchmal übt die Herkunftscommunity noch einen kontrollierenden Einfluss aus. Ein türkischstämmiges Mädchen, das mit 18 Jahren verheiratet werden sollte und große Angst vor seinen Eltern hatte, wurde mit Hilfe der Interventionsstelle zu einem Frauenhaus nach Deutschland gebracht. Jetzt lebt sie wieder in Wien - unverheiratet und gemeinsam mit ihrem österreichischen Freund, und sie hat auch wieder Kontakt zur Familie.

Mittlerweile gibt es viele Vorfälle in gebildeten Schichten. So wurde etwa ein iranisch-stämmiges Mädchen von seinen Eltern gezwungen, einen serbisch-orthodoxen Burschen zu heiraten, weil sie mit ihm an der Uni geflirtet hatte.

Mit drei zwangsverheirateten Männern hatte Çitak in den letzten Jahren zu tun, ansonsten waren die Betroffenen immer Frauen. Viele sind exjugoslawischer Herkunft, andere stammen aus der Türkei oder aus Drittstaaten. Manche werden im Zuge der Familienzusammenführung verheiratet. Oft will man dadurch den eigenen Verwandten ein besseres Leben in Europa ermöglichen. Einmal sollte sich deshalb eine Frau für einen ihrer drei Cousins im Ausland entscheiden.

Zu wenig Notwohnungen
Prekär ist die Lage von Frauen, die durch Familienzusammenführung zugereist sind. "Ich musste heiraten und dachte, in Europa wird das schon gehen", bekommt Çitak dann zu hören. Solche Frauen leben hier ohne Staatsbürgerschaft, ohne Rechte, ohne Netzwerk und können nicht Deutsch. Wenn der Druck der Familie zu groß ist, kehren sie zu ihren Männern zurück und wenden sich nach ein paar Jahren wieder an die Interventionsstelle, wenn sie gefestigter sind. Die Tendenz zur Zwangsehe zwecks Familienzusammenführung sei seit der Verschärfung der Einwanderungsgesetze in den 90er Jahren gestiegen, erzählt Çitak. Damit wurde es schwieriger, auf anderem Weg zuzureisen. Çitak fordert eine Änderung des Fremdenrechts. In den ersten drei Jahre müsste man solchen Frauen "alle sozialen Rechte und eine Aufenthaltsgenehmigung gewähren".

Dringend nötig sind laut Çitak mehr Notwohnungen zum Schutz der Opfer. Diese bräuchten darüber hinaus in den ersten Wochen eine permanente Bezugsperson. "Die Frauen glauben, sie sind von ihrer Familie für immer verstoßen. Wenn ich ihnen dann aus eigener Erfahrung erzähle, dass das nicht stimmt und in Kürze schon alles anders sein kann, glauben sie mir nicht." In anderen Bundesländern bräuchte es noch Anlaufstellen und mehr Infos für Betroffene. Zurzeit werden alle zum "Orient Express" geschickt.

Manche Frauen schaffen es dank der Beratung, als alleinerziehende Mütter auf eigenen Beinen zu stehen. Auf eines legt Çitak Wert: "Kein Zwangsheiratsfall ist positiv abgeschlossen, solange die Familienzusammenführung nicht stattgefunden hat." Bei allen Frauen sei das Ziel, am Ende wieder einen normalen, soliden Kontakt zur Familie herzustellen.




Schlagwörter

Zwangsehe, Gewalt

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Dokument erstellt am 2012-05-09 19:14:07


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