• vom 29.06.2012, 16:46 Uhr

Gesellschaft

Update: 01.07.2012, 14:32 Uhr
  • Artikel
  • Kommentare (6)
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Seit 2011 tauschen ein katholischer Pfarrer und ein muslimischer Imam ihre Kanzeln

Auf Mohammeds Kanzel


Von Christoph Rella

  • Pfarrer Martin Rupprecht predigte am Freitag in der Moschee von Bad Vöslau.

Pfarrer Rupprecht (links) und Imam Hizir Uzuner verbindet eine innige Freundschaft. - © www.visuelles.at

Pfarrer Rupprecht (links) und Imam Hizir Uzuner verbindet eine innige Freundschaft. © www.visuelles.at

Bad Vöslau. Martin Rupprecht, den katholischen "Hoca"? "Ja, den kenne ich, alles supergut, nix Problem", sagt Ali lächelnd und nippt an seinem Tee, den ihm zuvor ein Moschee-Diener serviert hat. Dabei ist Ali nicht der einzige Gläubige, der in der muslimischen Gemeinde von Bad Vöslau große Stücke auf den Priester aus der Wiener Pfarre Schönbrunn-Vorpark hält. Denn schon einmal, im Juni 2011, hatte Rupprecht in der lokalen Moschee die Predigt zum Freitagsgebet gehalten und über "Allahu akbar", die Größe Gottes im Vergleich von Christen und Muslimen gesprochen. Die Aktion kam gut an, weswegen sie an diesem Freitag wiederholt wird.

Werbung

Eine Stunde vor Beginn des Gebets herrscht im Vorhof zur Moschee noch Seelenruhe. Während Ali mit seinen Freunden die Sonne genießt, sitzt Cem in der Kantine und hantiert an seiner Fotokamera. Dass sich neben der Kirche neuerdings auch die Zeitung für die Muslime von Bad Vöslau interessiert, findet der Sprecher der örtlichen Trägervereins "Atib" grundsätzlich gut. Leider sei das nicht immer so gewesen. "Bevor die Moschee errichtet wurde, hat sich niemand für uns interessiert", sagt er mit leiser Stimme, rührt in seinem Tee und legt den Löffel zur Seite. Dass sich das seit 2009 sehr zum Positiven geändert habe, habe die Gemeinde ihrem Imam Hizir Uzuner zu verdanken. Er war es, der mit seinem Freund Rupprecht die Idee des "Kanzeltausches" geboren und in die Tat umgesetzt hat. Die Idee: Einmal im Jahr überlassen die zwei Geistlichen einander den Predigtstuhl - das eine Mal spricht der Imam in der Kirche in Schönbrunn, das andere Mal der Pfarrer in der Moschee in Bad Vöslau.

Uzuner hat seinen Auftritt in Wien bereits hinter sich gebracht. Es sei sehr gut gelaufen, berichtet er beim Mittagessen in der Kantine in gebrochenem Deutsch. Cem blickt auf seine Uhr. "Martin wird gleich hier sein", sagt er.

Pfarrer zitiert aus Koransure
Draußen im Hof treffen indessen immer mehr Gläubige ein. Unter den Wartenden ist auch ein Österreicher, der 19-jährige Matthäus. Ob er auch wegen Rupprecht zur Moschee gekommen ist? "Ich bin zum Haarschneiden da", antwortet er. Dass es in dem Gotteshaus sogar einen eigenen Barbier gibt, dürften außer den Muslimen im Ort nicht viele wissen. "Es ist billig und er macht seine Arbeit sehr gut", sagt Matthäus. Allein in den Gebetsraum sei er noch nicht gegangen. Begründung: "Ich bin aus der Kirche ausgetreten."

Noch während sich der Barbier an die dunklen Haare des 19-Jährigen macht, trifft Rupprecht in der Kantine ein, wo er von Imam Uzuner und Cem herzlich begrüßt und in der Folge reichlich bewirtet wird. Seine Bitte, der Koch möge ja nicht zu viel auftragen, wird freundlich ignoriert. Aber Rupprecht weiß sich zu helfen - und antwortet in perfektem Türkisch: "Ich muss heute noch predigen." Als Islam-Beauftragter der Erzdiözese sei er den Umgang mit den österreichischen Muslimen schon lange gewöhnt, erklärt der Pfarrer nach dem Essen. Daher auch sein Credo: "Es ist erst die persönliche Begegnung, die uns alle zur Veränderung führt." Und: "Was es dafür braucht, sind viele Menschen guten Willens."

Und die scheint Rupprecht tatsächlich ausgerechnet in der Moschee von Bad Vöslau nun gefunden zu haben. Als er kurz darauf auf der Kanzel, der "Kursu", Platz nimmt, sind etwa hundert Augenpaare auf den Mann mit dem Collar gerichtet. Rupprecht begrüßt die Anwesenden, die auf dem roten Teppich lagern, zunächst auf Türkisch, um dann den Gläubigen einzubläuen, dass Gott bis heute lebendig ist und wirkt. "Wir müssen aber Geduld haben", meint er und zitiert dazu sogar eine passende Sure aus dem Koran: "Gott liebt die Geduld."

Wie wichtig Geduld auch im interreligiösen Dialog ist, wissen er und Uzuner am besten aus eigener Erfahrung. Um die Beziehung zwischen den Religionen weiter wachsen zu lassen, haben sich die beiden bereits auf eine Neuauflage des "Kanzeltausches" im kommenden Jahr verständigt.

Website Pfarre Schönbrunn-Vorpark




6 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-29 16:53:10
Letzte Änderung am 2012-07-01 14:32:18


Beliebte Inhalte



Isabel Arévalos (links) füllt mit ihren Mitstreiterinnen im Akkord Empanadas mit Fleisch und Spinat. - Flener
  • Wiens paraguayische Community umfasst 80 Männer und Frauen.
  • weiter

Auf Initiative des grünen Kultursprechers Klaus Werner-Lobo wurde darum das Projekt "kültür gemma!" ins Leben gerufen. - Screenshot: Archiv
  • Projekt "kültür gemma!" vom grünen Kultursprecher Werner-Lobo initiiert.
  • weiter

Yvonne Pichler ist im Inneren eine Jüdin. - Ugur Atay
  • Yvonne Pichler erzählt vom Jonglieren zwischen allen spirituellen Welten.
  • weiter

Die einzige Sendung, in der mit Akzent gesprochen wird. Im Bild die Moderatoren Lakis Jordanopoulos und Silvana Meixner. - ORF
  • ORF: "Migrationshintergrund kein Ausschlussgrund für eine Redaktion."
  • weiter

Somali-Unterricht soll es auch bald in Schulen im 20. und 21. Bezirk geben. - Luiza Puiu
  • Zum ersten Mal findet an zwei Wiener Volksschulen Unterricht in Somali statt.
  • weiter

Isabel Arévalos (links) füllt mit ihren Mitstreiterinnen im Akkord Empanadas mit Fleisch und Spinat. - Flener
  • Wiens paraguayische Community umfasst 80 Männer und Frauen.
  • weiter

Die einzige Sendung, in der mit Akzent gesprochen wird. Im Bild die Moderatoren Lakis Jordanopoulos und Silvana Meixner. - ORF
  • ORF: "Migrationshintergrund kein Ausschlussgrund für eine Redaktion."
  • weiter



Werbung



Buch des Monats

Ihr wunderbarer Friseursalon

friseursalon - © Wiener Zeitung / Christa Hager Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo... weiter




Februar 2013

Der Friedhof vor Europas Toren

CAP ANAMUR - APA / EPA/FRANCO LANNINO Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit... weiter



"Um die imposanten Locations wie Berge, Flüsse und Wälder in Szene setzen zu können und ihnen genügend Raum zur Entfaltung zu geben, haben wir im Format 2.35:1 gedreht, einem in Österreich eher selten verwendeten Seitenverhältnis", betont Kameramann und Bildgestalter Satoshi.

Syrische Flüchtlinge im Libanon. 19. April 2013: "Wo wart ihr so lange?" fragen die Flüchtlinge. Seitdem sie vor zwei Monaten in das Servitenkloster gezogen sind, sind sie aus dem Blickfeld der Medien verschwunden.

Mit einer für österreichische Verhältnisse ungewöhnlichen Protestaktion machten vergangene Woche Flüchtlinge aus Somalia auf ihre Situation aufmerksam.

Jüdisch leben

Beten an der Klagemauer

20130517mechitze - Juan Reyero/CC-BY-2.0 Wo dürfen Frauen an der Klagemauer in Jerusalem beten? Und wie dürfen sie das tun? Still oder laut? Mit Gebetsschal und Betriemen – oder sind... weiter



Veranstaltungstipp

Österreichischer Integrationstag

Am 12. April 2013 findet bereits zum dritten Mal der Österreichische Integrationstag statt. Unter dem Motto "Zukunft gestalten: Heute Handeln... weiter



Videos zum Thema Xenophobie

Video-Interview Thema Xenophobie 2


Video-Interview Thema Xenophobie




Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

Werbung