"Wiener Zeitung": Migranten identifizieren sich laut Studien in den USA schneller mit ihrem Aufnahmeland als in Europa. Warum?
Kenan Güngör: Geschichte, Mentalität und gesellschaftliche Rahmenbedingungen sind in den USA anders. Bei der Landeroberung und Kolonisierung konnten Zuwanderer auf keinen steuernden Staat zurückgreifen. Sie waren auf sich als lokale Gemeinschaften angewiesen. Die Frage war weniger "Was tut der Staat für uns?" als "Was müssen wir als Gemeinschaft für uns selber tun?" Diese Skepsis gegenüber staatlicher Regulierung blieb bis heute, siehe die Debatte zu Gesundheitsreform und Steuererhöhungen. Der wichtigste Punkt ist: Die USA sind ein klassisches Einwanderungsland. Von vornherein war klar: Wer hinkommt, bleibt dort. Fast alle Kolonien haben ihre Communitys dort gegründet. Man wollte die Herkunftsidentität nicht über Bord werfen, sondern weiterleben lassen.
Ändert sich damit auch die Einstellung zu Zuwanderung?
Für die Amerikaner ist Zuwanderung nicht etwas Fremdes. Es betrifft ihre ureigene Geschichte und Identität, ihr Kernverständnis über das, was sie sind: eine Nation von Einwanderern. Die Europäer sehen in Einwanderung etwas Fremdes, das nicht dazu gehört, mit dem sie aber irgendwie auskommen müssen.
Freilich verlief die Zuwanderung in die USA alles andere als friedlich.
Die Kolonisierung Amerikas ging mit dem Genozid an 20 Millionen Ureinwohnern einher. Die danach einsetzende Einwanderung und Integration war deutlich konflikt- und gewaltreicher als im Europa der letzten 50 Jahre. Alle drei großen Zuwanderungsströme in die USA haben zu gesellschaftlichen Gegenreaktionen geführt.
Wenn eine Gruppe stärker wurde, löste das starke Ängste bei anderen aus. Zuerst gab es mehr das angelsächsisch-protestantische Amerika und eine starke Phobie gegen Deutsche. Später folgten massive Vorbehalte gegen Iren, Italiener und Katholiken allgemein - "Gilt eure Loyalität uns oder dem Vatikan?" Aktuelle Debatten, wie "Gehört ihr zu uns oder zu Eurem Heimatland?", sind hier vordiskutiert.
Auch die Zuwanderung nach Europa verlief konfliktreich.
Zunächst wäre es weltfremd anzunehmen, bei einem Kontinent, der sich mehr als Auswanderungs- denn als Einwanderungskontinent wahrgenommen hat, würde die starke Zuwanderung der letzten 50 Jahre keine Irritationen, Konflikte und Gegenreaktionen bewirken. Zumal es - anders als in den USA - kein politisches Verständnis dafür gab, eine Einwanderungsgesellschaft zu werden. Unsere Gesellschaften brauchten zwar die Zuwanderung, emotional wollten sie diese aber nicht. Mit diesem Grundwiderspruch haben wir bis heute zu kämpfen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass rechtspopulistische Parteien ein Unbehagen aufgreifen und instrumentalisieren.
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