• vom 08.08.2012, 16:16 Uhr

Gesellschaft

Update: 08.08.2012, 16:25 Uhr
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Die Muslime Nordafrikas kämpfen im Fastenmonat Ramadan mit einer Hitzewelle

Der köstlichste Schluck Wasser


Von Judith Belfkih aus Marokko

  • Der Fastenmonat Ramadan in Agadir: ein Selbstversuch.

Endlich geschafft. Nach langen, kargen Stunden wird Harira aufgetischt.

Endlich geschafft. Nach langen, kargen Stunden wird Harira aufgetischt.© © Radvaner/photocuisine/Corbis Endlich geschafft. Nach langen, kargen Stunden wird Harira aufgetischt.© © Radvaner/photocuisine/Corbis

Wäre der Ramadan eine Fernsehserie, es wäre der größte Straßenfeger aller Zeiten. Agadir ist menschenleer, der Strand hauptsächlich von Touristen frequentiert. Ein Volk, das weder isst noch trinkt, braucht keine Cafés, Bars und Restaurants. Sie bleiben nicht leer, sondern geschlossen.

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Über der Stadt hat sich die sommerliche Hitze wie in einer Saugglocke festgesetzt. Mittags sind es bis zu 49 Grad im Schatten. Wer nicht muss, verlässt das Haus nicht. Der heiße Sahara-Wind trifft nur auf herumwirbelnde Plastiksackerl und Maultiertreiber, die den Müll durchsuchen. Selbst die sonst streunenden Hunde haben sich zurückgezogen. Fenster zu, Vorhänge vor. Möglichst kühl, möglichst dunkel soll es sein. Vom Morgengrauen bis zur Dämmerung ohne Essen und Trinken - Temperaturen, bei denen Wäsche schon auf der Leine riecht wie frisch gebügelt, machen das nicht einfacher.

Der Minister für islamische Angelegenheiten hat feststellen lassen, dass der neue Mond gesichtet wurde. Als feine, liegende Sichel schwebt er über dem frühen Abendhimmel. Das große Fasten hat begonnen und wurde am Vorabend des ersten Tages mittels Feuersirene angekündigt. Und das Fasten wird erst nach 30 Tagen, beim nächsten Neumond, beendet sein. Muslime in aller Welt verpflichten sich in dieser Zeit zur Enthaltsamkeit - dem Verzicht auf Essen und Trinken, auf Äußerlichkeiten wie Make-up, Parfum und aufreizende Kleidung und natürlich auf jede Form der Sexualität. Von der Morgendämmerung bis zu Sonnenuntergang.

Aufstehen um 3.30 Uhr
Der Fastentag beginnt früh, der Wecker läutet um 3.30 Uhr. Wasser trinken vor der Morgendämmerung. So viel nur geht. Der Tag wird heiß. Dazu ein leichter früher Imbiss, etwas Obst und Joghurt, ein Glas Orangensaft. Bis um kurz nach vier, bis zum ersten Anzeichen der Morgendämmerung. Begleitet wird der morgendliche Fastenbeginn von den Stimmen der Muezzine. Einer nach dem anderen beginnen sie ihre Rufe. Ein Klangteppich aus Männerstimmen legt sich sanft über die Stadt. "Allahu akbar", rufen sie, Gott ist groß. Und "beten ist besser als schlafen".

Doch verschlafen sehen die Straßen dann den ganzen Tag aus. Wer nicht zur Arbeit muss, bleibt im Bett oder zumindest im Haus. Die Welt ist eine verkehrte. "Unser Autosalon hat auch im Ramadan für Sie geöffnet", informiert eine große Automarke ihre Kunden, "besuchen Sie unseren Showroom Montag bis Freitag von 21.00 bis 23.30 Uhr."

Während das Geschäft in vielen Bereichen stagniert oder gar zum Erliegen kommt, bringt der Ramadan für die Lebensmittelindustrie in vielen Sparten ein Umsatzplus. "Wir machen im Fastenmonat mehr Gewinn als sonst", erzählt etwa Brahim, der Bäcker, der zu dieser Zeit einen Angestellten mehr hat. Sein Geschäft in der Innenstadt öffnet er erst mittags, Brot verkauft er so gut wie keines. Dafür sind seine Regale voll mit Croissants, Schokoschnecken, kleinen Pizzas und diversen Mandel- und Obsttörtchen. Den ganzen Tag vor den gefüllten Blechen zu sitzen und zu fasten ist kein Problem für Brahim. "Ich kann auch außerhalb des Ramadan nicht ständig Kuchen oder Törtchen essen, da sähe ich anders aus", scherzt er. Brahims Nachbar, der ein kleines Café betreibt, hat den ganzen Monat geschlossen. Er nutzt - wie viele seiner Kollegen - das laue Geschäft, um ausgiebig Urlaub bei seiner Familie auf dem Land zu machen.

Gemeinsam ohne Wasser
Bei Gluthitze sogar auf Wasser zu verzichten scheint Nicht-Muslimen schier unmöglich. Und doch ist es einfacher als man denkt, zeigt der Selbstversuch. Der Schlüssel sitzt im Kopf und wird unterstützt durch eine enorme Solidarität unter den Muslimen, die mitunter in fast kindlichem kollektivem Wetteifer gipfelt. "Ramadan karim" - gegenseitige Glückwünsche für ein gutes Fasten hört man an jeder Ecke und jeder Ladentheke. Und tatsächlich: Zu wissen, dass es Millionen Menschen genau so geht, stärkt den Willen zum Durchhalten. Man ist nicht allein mit seinem Durst. Und schon am zweiten Tag hat der Körper die neuen Regeln zur Nahrungsaufnahme weitgehend akzeptiert.

Dass der Ramadan derzeit in den Sommer fällt, macht es für Muslime in der arabischen Welt ebenso schwierig wie in Europa, wo die Zeit zwischen Sonnenauf- und -untergang enorm lang ist. Viele Fastende in Europa orientieren sich daher an den Fastenzeiten in ihrer Heimat. Muslime in Skandinavien etwa hätten sonst ein schweres Los. Ein paar Ramadane im Sommer (heuer bis 20. August) wird es jedoch noch geben. Das Fasten setzt jedes Jahr zehn Tage früher ein, da das Mondjahr, nach dem sich der islamische Kalender richtet, zehn Tage kürzer ist als das Sonnenjahr.

"Fasten soll nur, wer seine Gesundheit damit nicht gefährdet", erklärt die Krankenschwester Fatima. Die Entscheidung darüber liegt alleine beim Einzelnen. Die Klinik, in der Fatima arbeitet, ist auch während des Ramadan geöffnet. Schwangere und stillende Frauen, Kinder und Kranke sind vom Fasten ausgenommen, erklärt sie. Auch menstruierende Frauen. "Doch sie müssen die ausgesetzten Tage binnen eines Jahres nachholen."




Schlagwörter

Ramadan

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-08-08 16:23:09
Letzte Änderung am 2012-08-08 16:25:45


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