
In einem richtigen Bett hat sie noch nie geschlafen. Derzeit ist ihr Schlafplatz ein Teppich im Wohnzimmer der Familie, für die sie arbeitet. Fatima ist Anfang 30, unverheiratet und Hausmädchen in einer arabischen Mittelschicht-Familie - wie sie in Tunis, Casablanca oder Beirut leben könnte.
Ihre persönlichen Gegenstände passen in eine kleine Tasche. Ein Wertkartenhandy mit Radiofunktion, etwas Kleidung, ein paar Kopftücher, ein kleiner Spiegel und ein paar Toiletteartikel. Die meisten Kleidungsstücke hat sie übertragen bekommen, alte Sachen ihrer Arbeitgeberinnen. Putzen, waschen, den Garten pflegen, in der Küche helfen, die Familie bedienen - Fatima arbeitet von morgens bis abends. Ihr Essen nimmt sie an einem kleinen Tischchen in der Küche ein. Wenn die Familie fertig gegessen hat.
Einmal in zwei Wochen besucht sie ihre Familie auf dem Land für einen Tag. Öfter bekommt sie nicht frei. Und für öfter reicht das Geld nicht. Umgerechnet etwa 8 Euro kostet das Sammeltaxi aus der Stadt hin und retour. Bei einem Verdienst von 35 Euro pro Woche keine Kleinigkeit. Mit 25 Euro davon unterstützt Fatima ihre Familie, denn der Vater ist arbeitslos und hat eine Großfamilie zu ernähren. Für die Schule der kleinen Schwester, die es einmal besser haben soll, bleibt da oft kein Geld. Denn lesen und schreiben kann Fatima nicht. Wie die meisten Frauen, außerhalb der großen Städte. Bis zu ihnen sind auch die ehrgeizigsten Alphabetisierungsprogramme noch nicht vorgedrungen. Und auch im Orient ist Bildung der meist einzige Schlüssel zum sozialen Aufstieg.
Heirat ist keine Alternative
Zu heiraten ist für Fatima keine Alternative. Es würde die Fortsetzung ihrer momentanen Situation bedeuten. Mit der Schwiegermutter als Hausherrin, ohne Gehalt und ohne der Möglichkeit, zu kündigen. Denn die Chancen für Fatima, einen Mann zu finden, der genug Geld verdient, um eine eigene Wohnung zu finanzieren, sind gering. Selbst wenn er einen Job hätte. Der Verdienst eines Verkäufers, Lehrers oder Bäckers beträgt zwischen 200 und 300 Euro. Und unter 150 Euro findet sich selbst in einem schlechteren Viertel keine Wohnung. Abends zieht sich Fatima in das mit weißen Tüchern verhängte, sogenannte Gästewohnzimmer zurück, hört arabische Schnulzen im Radio und träumt ein bisschen von der großen Liebe. Fatimas Dienstherrin wird von allen respektvoll "Hascha" genannt. Selbst von ihren Kindern. Diesen Titel erwirbt sich eine Muslima, wenn sie Pilgerreise nach Mekka, die sogenannte Hadsch, gemacht hat. Dass sie hier das Sagen hat, ist auf den ersten Blick zu erkennen. Und auch, dass das Zentrum ihrer Macht die Küche ist. Sie hat ihr Leben lang hart gearbeitet, nun mit knappen 60 Jahren ist ihr Körper zwar müde, doch ihr Geist denkt nicht daran, das Zepter weiter zu reichen. Das gute Geschirr bewahrt sie im Kasten auf, der üppig geschmückte arabische Salon wird lieber für die Gäste geschont. Im Haus trägt sie die alten Pyjamas auf. Ist ja nur die Familie. Hascha ist eine tief religiöse Frau, betet fünfmal täglich, war schon zweimal in Mekka, trägt außer Haus stets lange Kleidung und ein lockeres Kopftuch.
Flexibilität gefragt
Die Matriarchin stammt aus einer kinderreichen, ländlichen Familie wie Fatima. Die Schule konnte sie besuchen, bis sie 14 war. Mit 17 hat sie geheiratet, eine Liebesheirat. Gemeinsam mit ihrem Mann ist es ihr früh gelungen durch die Arbeit im Fremdenverkehr etwas Kapital zu sparen, um sich selbstständig zu machen. Flexibilität ist und war gefragt. Zuerst eine kleine Boutique, dann ein Friseursalon und schließlich ein kleines, feines Catering-Unternehmen. Im Geschäft steht Hascha heute nur noch selten, die Füße wollen nicht mehr so recht. Eine berufliche Entscheidung ohne Rücksprache mit ihr würde ihr Mann, der das Geschäft nach außen leitet, jedoch nie treffen. Ohne Haschas Segen geht nichts. Sie ist es, die Qualitätskontrollen durchführt, neue Produkte kreiert, Mitarbeiter einschult und wieder entlässt.
Die Unternehmen ernähren die Familie, haben zwei Häuser, die Ausbildung der drei Kinder und jährliche Urlaubsreisen nach Europa finanziert. Nicht zuletzt durch das strikte Finanzmanagement der Mutter. Im Souk ist sie eine harte Verhandlerin, zu den Kindern großzügig, mit sich selbst mehr als sparsam. Wenn sie sich etwas kauft, wandert es meist ungetragen in den Kasten.
Für die tägliche Ernährung der Familie zu sorgen, lässt sich Hascha nicht nehmen. Fatima darf Zwiebel schneiden, Gemüse putzen und Hühner rupfen. Doch die Planung und die Kontrolle über den Kochtopf überlässt ihr Hascha nicht. Denn Essen ist in ihrem Haus zentrale Familienangelegenheit. Und eine üppige noch dazu. Unter fünf verschiedenen Speisen pro Mahlzeit geht gar nichts. Salate, Spieße, Teigtaschen, Reisgerichte, Eintöpfe, traditionelle Schmorgerichte und Pasta - arabische Küche mit kleinen internationalen Elementen. Danach der obligate Grüntee mit Minze. Ist die Arbeit getan, versinkt Hascha in türkischen, nur mittelmäßig synchronisierten Fernsehserien, in denen es pro Folge mindestens einen Mord, eine wöchentliche Geiselnahme und viertelstündlich verzweifelte Liebesschwüre gibt. Der Satellit macht’s möglich.
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