Wien. Die einen gehen nicht einmal zu Jom Kippur, dem Versöhnungstag, in die Synagoge, die anderen selbst an Wochentagen. Die einen leben seit Generationen in Wien, die anderen sind zugezogen - aus Osteuropa, aus Zentralasien. An die 7700 Mitglieder zählt die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) Wien heute - und sie ist alles andere als homogen.
Zuwächse verzeichnete man zuletzt nicht durch massiven Zuzug, sondern indem Juden, die bisher noch nicht der IKG angehörten, dazu motivierte, Mitglied zu werden. Schätzungen zu Folge leben in etwa doppelt so viele Juden in Wien als die IKG Mitglieder hat, also an die 15.000.
Raimund Fastenbauer, Generalsekretär für religiöse Angelegenheiten der IKG, geht davon aus, dass etwa 25 Prozent der Wiener Gemeindemitglieder einer der streng orthodoxen Gruppierungen angehören. Sie befolgen die Vorschriften der Halacha, wie die Schabbatruhe einzuhalten, sich ausschließlich koscher zu ernähren, zu beten, aber auch, sich um seine Mitmenschen zu kümmern.

An die 30 Prozent der Gemeinde leben traditionell. Vor allem viele der Bucharen und Grusinen, das sind Zuwanderergruppen aus der ehemaligen Sowjetunion, halten die Tradition stark hoch, ohne jedoch hundertprozentig orthodox zu leben. Sie besuchen beispielsweise am Schabbat die Synagoge und halten alle Feiertage. Bei den restlichen etwas weniger als 50 Prozent findet sich alles von gemäßigt religiös "bis eben nicht religiös", wie es Fastenbauer formuliert. Viele Wiener Juden bezeichnen sich als "säkular". Fastenbauer wartet mit einem Bonmot von David Ben-Gurion, dem ersten Premierminister Israels, auf: "Die Synagoge, in die ich nicht gehe, ist eine orthodoxe Synagoge." Den Grad der Religiosität bestimmt in der Praxis jeder für sich selbst. Das liegt auch daran, dass sich eben nicht alle Juden über die Religion definieren, unterstreicht der Generalsekretär. Manche ziehen für ihre Identität die Volkszugehörigkeit heran, sie identifizieren sich stark mit Israel und sind sehr zionistisch. Andere sehen sich vor allem als Teil einer Schicksalsgemeinschaft.
Wiens Juden sind allerdings nicht nur in Bezug auf den Grad ihrer Religiosität äußerst inhomogen, sondern auch im Hinblick auf ihre Herkunft. Nur wenige hundert Juden überlebten den NS-Terror in dieser Stadt. Nach der Befreiung kam es zur Rückwanderung einiger weniger Wiener Juden, vor allem aber zum Zuzug von Displaced Persons. Sie kamen aus Osteuropa. Bis Ende der 1940er Jahre zählte die Gemeinde an die 4000 Mitglieder.
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