Eine Welle an Roma-Hass erfasst gerade Ungarn. Der mutmaßliche Mörder einer Polizistin soll "Zigeuner" sein. Internetforen rufen zur "Endlösung der Zigeunerfrage" auf, rechtsextreme Bürgerwehren terrorisieren ein Roma-Viertel in der Stadt Cegléd. "Der Mord ist schrecklich, aber noch schrecklicher ist, dass wir seitdem kollektiv für schuldig erklärt werden", sagt der Budapester Roma-Aktivist Jenö Setét.

Roma gelten als Nicht-Europäer und ortlos, und dennoch haben sie längst einen festen Platz in der symbolischen Ordnung Europas. Als Musiker sind sie beliebt und willkommen, am Tisch möchte man mit ihnen aber nicht sitzen. Obwohl sie längst sesshaft geworden sind, bestehen nach wie vor Klischees zwischen "Zigeuner"-Romantik und einem zivilisationsresistenten Volk. Bis heute halten Fremdzuschreibungen gegenüber Roma an.
"Alle von uns haben ja so ein Bild im Kopf, was ein Roma ist. Man denkt wahrscheinlich nicht an mich, wenn man an eine Romni denkt", meint Mimmi Demitri von Pezold, schwedische Ethnologin und Romni. Die bettelnde Romafrau mit dem Goldzahn, die auf der Straße sitzt, mit einem Kind im Arm, entspricht eher gängigen Vorstellungen. Die Mutter hat dem Kind sicher noch Nadeln in die Windeln getan, damit dieses schön schreit, denken manche. Sollte man es als Roma schaffen den Vorurteilen zu widersprechen, dann dürfe man kein Roma mehr sein, kritisiert die Ethnologin: "Ich sei eine Person, die höchstens Romawurzeln hat."
Solche Klischées erschwerten auch die Jobsuche. Trotz ausreichender Qualifizierungen hätte man oft keine Chance, sobald der Arbeitgeber herausfindet, dass man Roma ist. So erging es in Österreich etwa Ljiljana Lukic, einer Roma-Aktivistin mit serbischen Wurzeln: Mehrmals wurde ihr direkt ins Gesicht gesagt, dass sie wegen ihrer Herkunft entlassen wird. Von Pezold sieht einen Grund im Angstgefühl der Mehrheitsgesellschaft. Die Ethnologin versucht die andere Seite zu verstehen: "Wenn man keine Roma kennt, denkt man vielleicht, dass dieser Mensch aus einem Ghetto kommt und total verarmt ist. Wer weiß, wenn der jetzt in meine Firma kommt, dann kommt bald die ganze Familie und womöglich rauben sie mich aus."
Viele Roma werden bereits in der Schule diskriminiert, erzählt sie, und das sei auch ein Grund, warum viele Romakinder nicht mehr in die Schule gehen. Ljiljana Lukic kennt diese Probleme aus ihrer eigenen Schulzeit in Deutschland und Österreich. Die anderen Schüler hätten sich von ihr abgewandt und von Lehrern wurde sie gemobbt, erzählt sie. In den ersten fünf Schuljahren musste sie wegen Anfeindungen fünf Mal die Schule wechseln. "Als Kind hab ich mich gefragt: Was stimmt mit mir nicht? Was hab ich gemacht? Warum hab ich keine Freunde?" Lukic beschloss, den Anderen zu beweisen, dass sie "kein schlechtes Kind" sei und verbesserte ihre schulischen Leistungen. Mit Ausdauer und Mut kann man es schaffen, meint sie. Viele zerbrechen aber am Druck.
Nie in Europa angekommen
Roma hatten nie eine Chance in Europa anzukommen. Das zeigt der Literaturwissenschafter Klaus-Michael Bogdal in seinem Buch "Europa erfindet die Zigeuner", das kürzlich im Suhrkamp-Verlag erschienen ist. Sie kamen im 15. Jahrhundert, in einer Phase des Umbruchs von Mittelalter zu Neuzeit. Die gerade entstehende Territorialität stand der nomadischen Lebensweise der Roma diametral entgegen. Am Ende des Mittelalters begannen die Herrschenden möglichst alle Untertanen in ein räumlich orientiertes, fest geknüpftes Netz einzubinden, um diese jederzeit kontrollieren zu können. In dieser Anfangsbewegung der Nationalstaaten wurden Personen, die nicht eingebunden werden konnten, als herrenloses Gesindel gebrandmarkt. Ein nomadisches Leben erschien als bewusster Akt der Desintegration aus den gerade entstehenden sozialen, rechtlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Systemen. Auch die Armenpolitik wandelte sich und wandte sich von der gegenüber Armen gepflegten Barmherzigkeit im Mittelalter ab. In den obrigkeitlichen Denkschriften und Verordnungen galten Roma bald als bedrohliche, moralisch verworfene Gegenwelt.
Ab dem 16. Jahrhundert gibt es erste Gesetze, die sich explizit gegen Roma richten, in einigen Ländern wurden sie sogar zu "Vogelfreien" erklärt. Parallel dazu wird über den "Zigeuner" durch übertriebene Darstellungen und scharfe Rhetorik ein Bild des infamen Fremden gezeichnet, der kein individuelles Leben hat, das sich zu erzählen lohne. Klaus-Michael Bogdal spricht von einer wichtigen Phase in der Erfindung des "Zigeuners" und seiner literarischen Darstellung, die sich bis heute wenig verändert hat. Man schrieb ihnen etwa magische Fähigkeiten zu und verdächtigte sie Spione der Osmanen oder Tartaren zu sein. Die Kirche hielt Roma für Gefährten des Satans, die stets versuchen, die Gläubigen auf Abwege zu führen und mit allen Mitteln zu betrügen.
Die Leidensgeschichte der Romvölker gipfelte im Genozid der Nationalsozialisten. Aber auch danach waren die Überlebenden mit denselben Vorurteilen konfrontiert. Wie Bogdal schildert, waren die deutschen Beamten, die für die Entschädigungsanträge für Holocaust-Verfolgte zuständig waren, oftmals dieselben, die zuvor Deportationen in Konzentrationslager organisiert hatten. Dementsprechend wenigen deutschen aber auch österreichischen Roma gelang es, ihre Ansprüche geltend zu machen. Die Täter blieben meist straffrei oder wurden nach kurzer Haftstrafe amnestiert. Die wenigen, die es schafften Anklage zu erheben, wurden oft neuerlich diskreditiert und als Lügner abgestempelt.
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