
Wien. Besungen und verklärt, bekämpft und verspottet, das alles wurde Österreich bereits in der heimischen Literatur. Und heute? Es scheint, als würde Österreich zurzeit literarisch neu erfunden. Immer mehr heimische Schriftsteller mit anderen Muttersprachen mischen Österreichs Literaturszene auf. Sie werfen ein neues Licht auf Identität und Heimat. Einige von ihnen - Julya Rabinowich und Seher Cakir etwa - feierten ihre ersten Erfolge bei der edition exil und wurden vor mehreren Jahren mit dem Exil-Literaturpreis ausgezeichnet.
Unter den Bewerbern um den Exil-Literaturpreis sind jedes Jahr auch Teilnehmer der Schreibwerkstatt "Zwischenkulturelles Schreiben", die Jahr für Jahr an der Volkshochschule Hietzing durchgeführt wird. Migrationserfahrungen und Mehrsprachigkeit sind ein Potenzial für die Literatur, findet Kursleiterin Eva Schmidt. Sie verweist dabei auf sprachliche Erzeugungen und Wortneuschöpfungen. "Wer nicht immer hier gelebt hat, der hat einen anderen Blick auf Integration und Migration", betont die Germanistin und Slawistin.
An ihrem zweisemestrigen Kurs nehmen auch Autoren ohne Migrationshintergrund teil. Bei allen steht aber die literarische Auseinandersetzung mit Identität, Integration oder Leben zwischen den Kulturen im Vordergrund. Zwei Bücher mit Texten der Teilnehmer sind bereits erschienen, ein drittes folgt in Kürze. Am 20. September werden die Autoren um 20 Uhr im Amerlinghaus im siebten Wiener Gemeindebezirk ihre neuen Texte vorlesen.
Sieben sehr kurze Geschichten, meist nur ein, zwei Absätze lang, hat Sarah Al-Hashimi, 27 Jahre alt, geschrieben. "Heimatlos" ist ihre Serie betitelt. "Ich wollte mit unterschiedlichen Protagonisten zeigen, dass es verschiedene Arten von Heimatlosigkeit gibt", erzählt die Psychologiestudentin. "Man kann auch an seinem eigenen Ort heimatlos werden." Ihre erste Geschichte "Ich existiert nicht" handelt etwa von einer depressiven Frau, "die in sich selbst nicht zu Hause ist", sagt die Autorin. "Lisa hofft, irgendwann würde es von allein wieder kommen. Irgendwann würde sie sich wieder spüren", endet die Erzählung. In ihrer zweiten Geschichte beschreibt Al-Hashimi die Heimatlosigkeit in einer Eltern-Kind-Beziehung: "Daniels Mutter will ihr Kind einfach nur loswerden. Jede Bewegung, jeder Ton und jeder Blick ist für sie zuviel."
Sarah Al-Hashimi betont: "Heimat ist ein mehrdeutiger Begriff. Er meint nicht nur das Land, in dem man geboren ist. Man kann sich in jedem Moment heimatlos fühlen." Das sei nicht nur bei Asylsuche und Migranten so. Es gebe Situationen, "die dasselbe Gefühl auslösen. Es ist, als hätte man seine Wurzel und den Boden unter den Füßen verloren. Heimat hat etwas mit Sicherheit zu tun." Zur Schreibwerkstatt kam Al-Hashimi über ihre eigene Identitätssuche, mit der sie sich vor allem künstlerisch auseinanderzusetzen wollte. Sarah Al-Hashimi ist in Wien geboren, ihr Vater ist Iraker. Die Eltern sind geschieden, bis heute falle es ihr schwer, die Kultur ihres Vaters zu integrieren, erzählt sie.
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