Wien. Immer wieder ist in den vergangenen Jahren und Monaten von der Sanierung jüdischer Friedhöfe zu lesen. "Von einer Sanierungswelle kann dennoch keine Rede sein", rückt Raimund Fastenbauer, Generalsekretär für religiöse Angelegenheiten der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien, die Dimensionen zurecht. Das Thema Friedhöfe ist für die österreichischen Kultusgemeinden ein Erbe, das sie nicht alleine zu tragen vermögen. Warum? Jüdische Gräber sind für die Ewigkeit angelegt und die Nachkommen der Begrabenen ermordet oder vertrieben. Die Wiener jüdische Gemeinde zählte vor der Schoa an die 200.000 Mitglieder. Nun sind es unter 10.000. Dazu kommt, dass es Gräber gibt, die bereits mehrere hundert Jahre alt sind, die ältesten befinden sich am Wiener Friedhof Seegasse. Sie stammen aus dem Mittelalter.
Österreichweit gibt es 65 jüdische Friedhöfe, davon 17 im Burgenland, 29 in Niederösterreich, sechs in Wien. 48 dieser Friedhöfe befinden sich im Besitz einer Kultusgemeinde, insgesamt 36 gehören der IKG Wien, deren Einzugsgebiet sich auch über Niederösterreich und das Burgenland erstreckt. Immer wieder kommt es zu Friedhofsschändungen - zuletzt diesen Sommer in Hohenems und am 1. Tor des Zentralfriedhofs. Nur ein geringer Teil der nötigen Sanierungsarbeiten ist allerdings auf solche Vandalenakte zurückzuführen. Es nagt an den Gräbern schlicht der Zahn der Zeit. Im Zweiten Weltkrieg gab es teils Bombenschäden, dazu kommt, dass sich jahrzehntelang niemand der Friedhöfe mit der Energie angenommen hat, die nötig gewesen wäre.
Mit dem Washingtoner Entschädigungspaket von 2001 übernahm die Republik Österreich Verantwortung für die Sanierung und Pflege der jüdischen Friedhöfe. Eingerichtet wurde inzwischen ein entsprechender "Fonds zur Instandsetzung der jüdischen Friedhöfe in Österreich", Vorsitzende ist die Präsidentin des Bundesdenkmalamts, Barbara Neubauer.
Aus diesem Fonds wird die Sanierung - nur historisch wertvolle Grabsteine werden restauriert, bei den anderen wird deren Zustand stabilisiert - zu 50 Prozent bezahlt. Weitere 25 Prozent kommen beispielsweise in Niederösterreich, dem Burgenland oder der Steiermark vom Land - in anderen Bundesländern, auch in Wien, fehlen diese Vereinbarungen noch. Die restlichen 25 Prozent der Projektkosten müssen die Kultusgemeinden organisieren, eingerechnet werden hier auch das Engagement örtlicher Bürgerinitiativen, privater Spender oder auch der zuständigen Stadt, wenn diese sagt, dass sie die gesamten Kosten übernimmt.

Geld aus dem Fonds fließt aber erst, wenn es eine Pflegevereinbarung mit der Gemeinde gibt, in der sich der Friedhof befindet. So soll sichergestellt sein, dass die mit großem Aufwand sanierten Anlagen auch instand gehalten und kontinuierlich gepflegt werden. Hier liegt auch der Grund, warum die Dinge nur langsam voranschreiten. Die Gemeinden sind sehr zögerlich, diese Pflegevereinbarungen abzuschließen. "Ich sehe das nicht antisemitisch motiviert", betont Fastenbauer. "Die Gemeinden haben einfach Angst, dass hier Verpflichtungen auf sie zukommen, denen sie dann nicht nachkommen können." Die Ersten, die Vereinbarungen unterzeichnet haben, waren die Gemeinden Deutschkreuz (B) und Stockerau (NÖ). Inzwischen hat auch Graz unterschrieben und Michelsdorf (NÖ), mit Klosterneuburg und Wiener Neustadt "sind wir im Gespräch". Von der Größenordnung her befinden sich allerdings an die 80 Prozent der jüdischen Gräber in Wien. "Und mit der Stadt Wien hat es noch keinen Abschluss gegeben. Man hat uns eine Lösung zugesichert - aber es gibt noch kein Resultat", beklagt Fastenbauer.
Gute Neuigkeiten aus Wien
Dennoch gab es gerade in Wien in den letzten Monaten durchaus auch Positives in Sachen jüdische Friedhöfe zu berichten. Die Stadt Wien, sie ist Eigentümerin des Areals des 1. Tors am Zentralfriedhof, hat dort in Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt einige historisch wertvolle Gräber restauriert. Die letzten Ruhestätten von 45 Juden wurden zu Ehrengräbern erklärt, darunter jene von Arthur Schnitzler, Friedrich Torberg und Gerhard Bronner. Renovierungsarbeiten wurden auch am Friedhof Seegasse vorgenommen, basierend auf einem jahrhundertealten Vertrag, wonach sich der Magistrat um den Friedhof kümmern müsse. Diesen hatte die damalige jüdische Gemeinde abgeschlossen, als sie aus Wien vertrieben worden war.
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