• vom 02.10.2012, 18:06 Uhr

Gesellschaft

Update: 02.10.2012, 22:30 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Rund 500.000 orthodoxe Christen leben in Österreich, ihre Organisation wollen sie verbessern

Viele Wurzeln, ein Bekenntnis


Von Stefan Beig und Ania Haar

  • 405 Jugendliche kamen zum Ersten Panorthodoxen Jugendtreffen nach Wien.

Aus ganz Österreich kam die orthodoxe Jugend, um erstmals gemeinsam zu feiern.

Aus ganz Österreich kam die orthodoxe Jugend, um erstmals gemeinsam zu feiern.© Stanislav Jenis Aus ganz Österreich kam die orthodoxe Jugend, um erstmals gemeinsam zu feiern.© Stanislav Jenis

Wien. Assimilation sei schlecht, Integration wichtig, betont der serbisch-orthodoxe Pfarrer Petar Pantic vor 30 Jugendlichen. Assimilation führe zum Verschwinden der eigenen Identität, Integration bedeute hingegen Offenheit für die Gesellschaft. Natürlich: "Die Erde Gottes ist überall." Ein Bub bringt sich ein: "Es liegt nicht nur an uns. Wir sind offen. Es liegt an den Einheimischen. Viele akzeptieren uns nicht und sind gegen Zuwanderer." Eine andere Teilnehmerin hakt nach: "Egal, wie gut man sich integriert: Wenn einen die anderen nicht akzeptieren, kann man nichts machen."

Werbung

Wir befinden uns beim Workshop "Fremd sein - zu Hause sein", der am Wochenende im Rahmen des Ersten Panorthodoxen Jugendtreffens Österreichs stattgefunden hat. Alle orthodoxen Konfessionen - mit Ausnahme der orientalisch-orthodoxen Kirchen - waren am Treffen beteiligt. Aus zehn Workshops konnten am Samstagnachmittag die 405 aus ganz Österreich angereisten Jugendlichen wählen. Veranstaltungsort war die Kirchliche Pädagogische Hochschule in Wien-Strebersdorf. Nach dem Wunsch der orthodoxen Bischofskonferenz, von der die Idee zum Treffen geboren wurde, soll sich Österreichs orthodoxe Jugend hier besser kennenlernen.

Eine Feuerstelle erinnert an die Kreuzesauffindung.

Eine Feuerstelle erinnert an die Kreuzesauffindung.© Milagros_Martinez-Flener Eine Feuerstelle erinnert an die Kreuzesauffindung.© Milagros_Martinez-Flener

Der anwesende Religionslehrer Mladen Dobrilovic hat schon einige Integrationserfahrungen hinter sich, wie er den Workshop-Teilnehmern erzählt. Der Sohn serbischer Eltern wurde in Deutschland geboren. "Als ich im Kindergarten meinen Vornamen nennen musste, wurde ich ausgelacht: Haha, das klingt wie Marmelade. Als ich später in Belgrad studiert habe, war ich der Schwabo." Seit acht Jahren unterrichtet er in Wien, seine Kinder sind hier geboren. "Mein sechsjähriger Sohn hält beim Fußball zu Serbien, aber ebenso zu Rapid. Ich habe gelernt: Es ist nicht so wichtig, wo du geboren wirst. Mich stören Nationalismen, wie: Gott schütze die Serben oder Kroaten. Was ist mit den anderen? Solche Leute verstehen nichts von christlichen Grundwerten." Die nationale Identität sei vergänglich, erzählt er den Schülern. "Von Jesus lernen wir etwas Unvergängliches."

Die meisten orthodoxen Jugendlichen in Österreich haben serbische Wurzeln, andere kommen unter anderem aus Rumänien, Griechenland, Bulgarien und Russland. "Ich freue mich, hier die versammelten Gläubigen der vielen verschiedenen orthodoxen Traditionen zu sehen. Diese Vielfalt ist sicher einer der größten Schätze, den unser Glaube hervorgebracht hat", betonte der griechisch-orthodoxe Metropolit und Vorsitzende der orthodoxen Bischofskonferenz Arsenios Kardamakis beim Eröffnungsgottesdienst. Doch die Veranstaltung sei auch ein "Zeugnis der Einheit unserer Kirche", wie er gegenüber der "Wiener Zeitung" erklärt.

Einige Jugendliche sind extra aus Vorarlberg mit ihrem Religionslehrer angereist. Von der Veranstaltung sind sie begeistert, vor allem wegen der großen Anzahl an teilnehmenden Jugendlichen und Priestern. Nur sei über manche Themen zu oberflächlich gesprochen worden. Sehnsucht in das Herkunftsland ihrer Eltern - Serbien - hätten sie schon, aber nach zwei Monaten Sommerurlaub bei den Verwandten wollten sie dann doch wieder zurück. Österreich sei ihre Heimat, Serbien ihr Vaterland, betonten sie beim Workshop mit dem Militärseelsorger Alexander Lapin. In Vorarlberg funktioniere die Integration auch schon andersrum. "Viele Österreicher und Türken gehen bei uns in die serbischen Discos", erzählt ein Jugendlicher stolz.

Die langen Schatten
des Kommunismus

In Österreich seien die orthodoxen Christen gut integriert, meint Metropolit Arsenios Kardamakis. "Österreich ist uns eine gastfreundliche Heimat geworden", hielt er beim Gottesdienst fest. "Es ist das Land, das es uns ermöglicht, unseren Glauben zu leben und zu entfalten." Das ist in vielen Herkunftsländern der orthodoxen Christen nicht selbstverständlich. "Unter Tito durften wir nicht einmal Gottes Namen in der Schule nennen", erinnert sich Branislav Djukaric, Fachinspektor und Leiter des Schulamtes. Er stammt aus Bosnien. Speziell die serbisch-orthodoxe Kirche habe leiden müssen, da sie im Gegensatz zur katholischen Kirche keine Anbindung an den Vatikan gehabt hat. Doch auch heute sei die Lage in Österreich besser als in vielen orthodoxen Ländern. "In Russland oder in Bulgarien gibt es keinen Religionsunterricht."

Seit 20 Jahren wird in Österreich christlich-orthodoxer Religionsunterricht erteilt. "Viele Familien stammen aus kommunistischen Ländern und sind nicht kirchlich sozialisiert", erzählt der Religionslehrer Pashalis Archimandritis. Zurzeit gibt es österreichweit erst 80 orthodoxe Religionslehrer, meist unterrichten sie nachmittags in eigens zusammengestellten Gruppen. Etwas mehr als 10.000 Schüler nehmen am Unterricht teil, viele davon kommen aus religiösen Familien. Bei einigen würden aber sympathische Religionslehrer das Interesse an Religion wieder wecken, berichtet Archimandritis.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-10-02 18:12:14
Letzte Änderung am 2012-10-02 22:30:09


Beliebte Inhalte



  • Sexuelle Diskriminierung wird als Asylgrund selten akzeptiert.
  • weiter

Yvonne Pichler ist im Inneren eine Jüdin. - Ugur Atay
  • Yvonne Pichler erzählt vom Jonglieren zwischen allen spirituellen Welten.
  • weiter

Somali-Unterricht soll es auch bald in Schulen im 20. und 21. Bezirk geben. - Luiza Puiu
  • Zum ersten Mal findet an zwei Wiener Volksschulen Unterricht in Somali statt.
  • weiter

Auf Initiative des grünen Kultursprechers Klaus Werner-Lobo wurde darum das Projekt "kültür gemma!" ins Leben gerufen. - Screenshot: Archiv
  • Projekt "kültür gemma!" vom grünen Kultursprecher Werner-Lobo initiiert.
  • weiter

Isabel Arévalos (links) füllt mit ihren Mitstreiterinnen im Akkord Empanadas mit Fleisch und Spinat. - Flener
  • Wiens paraguayische Community umfasst 80 Männer und Frauen.
  • weiter

Isabel Arévalos (links) füllt mit ihren Mitstreiterinnen im Akkord Empanadas mit Fleisch und Spinat. - Flener
  • Wiens paraguayische Community umfasst 80 Männer und Frauen.
  • weiter

Die einzige Sendung, in der mit Akzent gesprochen wird. Im Bild die Moderatoren Lakis Jordanopoulos und Silvana Meixner. - ORF
  • ORF: "Migrationshintergrund kein Ausschlussgrund für eine Redaktion."
  • weiter

Auf Initiative des grünen Kultursprechers Klaus Werner-Lobo wurde darum das Projekt "kültür gemma!" ins Leben gerufen. - Screenshot: Archiv
  • Projekt "kültür gemma!" vom grünen Kultursprecher Werner-Lobo initiiert.
  • weiter



Werbung



Buch des Monats

Ihr wunderbarer Friseursalon

friseursalon - © Wiener Zeitung / Christa Hager Dass Weißheit nicht im Kopf, sondern auf dem Kopf beginnt, diese Erfahrung ist das Erfolgsgeheimnis des Friseursalons von Frau Khumalo... weiter




Februar 2013

Der Friedhof vor Europas Toren

CAP ANAMUR - APA / EPA/FRANCO LANNINO Wenn Bücher über menschenrechtliche Missstände nach zehn Jahren nach wie vor aktuell sind, dann wirft das kein gutes Licht auf die Wirklichkeit... weiter



"Um die imposanten Locations wie Berge, Flüsse und Wälder in Szene setzen zu können und ihnen genügend Raum zur Entfaltung zu geben, haben wir im Format 2.35:1 gedreht, einem in Österreich eher selten verwendeten Seitenverhältnis", betont Kameramann und Bildgestalter Satoshi.

Syrische Flüchtlinge im Libanon. 19. April 2013: "Wo wart ihr so lange?" fragen die Flüchtlinge. Seitdem sie vor zwei Monaten in das Servitenkloster gezogen sind, sind sie aus dem Blickfeld der Medien verschwunden.

Mit einer für österreichische Verhältnisse ungewöhnlichen Protestaktion machten vergangene Woche Flüchtlinge aus Somalia auf ihre Situation aufmerksam.

Jüdisch leben

Beten an der Klagemauer

20130517mechitze - Juan Reyero/CC-BY-2.0 Wo dürfen Frauen an der Klagemauer in Jerusalem beten? Und wie dürfen sie das tun? Still oder laut? Mit Gebetsschal und Betriemen – oder sind... weiter



Veranstaltungstipp

Österreichischer Integrationstag

Am 12. April 2013 findet bereits zum dritten Mal der Österreichische Integrationstag statt. Unter dem Motto "Zukunft gestalten: Heute Handeln... weiter



Videos zum Thema Xenophobie

Video-Interview Thema Xenophobie 2


Video-Interview Thema Xenophobie




Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

Nach 28 Jahren stießen Biologen auf eine unbekannte Affenart in Afrika: die Lesula-Affen. Sie leben versteckt in der Lomami-Region in der Dem. Rep. Kongo und wurden nun von der Universität von Arizona für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Mailands "neubabylonischer" Hauptbahhnhof Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Werbung