
Wien. An die 4000 Menschen kamen heuer am "Tag der offenen Tür" in den Stadttempel der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) Wien. Mit so einem Ansturm hatte IKG-Präsident Oskar Deutsch nicht gerechnet. Er fühlt sich in seinem Wunsch bestätigt, sich gegenüber der nichtjüdischen Mehrheitsgesellschaft zu öffnen: "Wir sind ein Bestandteil dieses Österreichs, wir sind ganz normale Bürger dieses Landes." Viele Besucher seien erstaunt gewesen, dass sie hier so einfach die Synagoge besuchen könnten. "Ich habe ihnen gesagt, das können sie auch an jedem Schabbat. Sie müssen sich nur wie alle anderen Synagogenbesucher dem Sicherheitscheck unterziehen und können dann beim Gebet dabei sein."
Die Zeichen stehen auf Öffnung. "Öffnung ist wichtig, um Vorurteile abzubauen", betont der Vorsitzende des Vereins Bucharischer Juden, Josef Sarikov. Bucharische Juden stammen aus der ehemaligen Sowjetunion und stellen heute 2500 der 7700 Mitglieder der IKG Wien. "Wir Bucharen sind sehr traditionell, aber trotzdem offen für Neues." Mit Veranstaltungen wie dem "Tag der offenen Tür" wolle man Nichtjuden "etwas von uns geben. Wenn am Ende des Tages ein positives Gefühl vom Judentum übertragen wird, bin ich schon glücklich."
70 Prozent der nichtjüdischen Österreicher stehen der jüdischen Gemeinde nach Einschätzung des Psychoanalytikers Martin Engelberg von der Liste Chaj "indifferent oder interessiert, manche sogar sympathisierend gegenüber". Sein Wunsch: "Wir sollten diesen Menschen offen entgegentreten und nicht in einer Wagenburg verharren, als wären wir nur von Feinden umgeben." Das würde helfen, "gemeinsam für Dinge einzutreten, die uns allen wichtig sind. Wir müssen gemeinsam für die Grundwerte der Demokratie, Freiheit und Menschenrechte eintreten, uns gegen Verhetzung einsetzen und dafür, dass Menschen, egal welcher Religion oder Herkunft, in Würde und Sicherheit in Österreich leben können."
Keine Parallelgesellschaft
Dieses Miteinander bedinge auch Respekt, nicht nur Toleranz, betont Oskar Deutsch. Dazu gehöre die freie Religionsausübung. Die Beschneidungsdebatte habe er zwar gelassen verfolgt, nehme sie aber sehr ernst. "Juden die Beschneidung zu verbieten, würde es ihnen unmöglich machen, hier zu leben. Das wäre eine Art Schoa - Verhinderung jüdischen Lebens - mit geistigen Mitteln." Europa müsse betonen, dass Beschneidung erlaubt ist. "Sie ist das wichtigste Fundament im Judentum. Nicht nur orthodoxe, auch säkulare Juden lassen zu 100 Prozent ihre Söhne am achten Tag nach der Geburt beschneiden."
Dass die Orthodoxie eine Parallelgesellschaft bildet, bestreitet Deutsch. "Das gilt vielleicht für einige wenige. Aber auch die Orthodoxie ist Teil der österreichischen Gesellschaft. Die meisten wollen, dass wir das Judentum nach außen präsentieren." Für Engelberg gehört es "zum Wesen einer Orthodoxie, dass diese eher nach innen gewandt ist". Aber: "Das ist nicht nur in Ordnung, sondern hat auch den Vorteil, dass so viele unserer Jahrtausende alten Traditionen erhalten bleiben." Säkulare Juden heiraten eher nichtjüdische Partner - und so gebe es von Generation zu Generation weniger jüdische Kinder. Eine Minderheit könne demnach nur bestehen, wenn sie ihre Traditionen und ihren Lebensstil pflege. Künftig will sich die jüdische Minderheit aber auch nach außen erklären.
Im Sommer 2011 holte Deutsch die Makkabi-Spiele nach Wien. Das neue IKG-Magazin "Wina" (hebräisch für Wien) vermittle verschiedenste Facetten jüdischen Lebens, sagt der IKG-Präsident. Um das Judentum jungen Menschen näherzubringen, hat er eine Kommission ins Leben gerufen. Wichtige Zielgruppe seien Berufsschüler.
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