
Wien. Ein Georgier schwärmte ausgiebig über sein Haus. Bis er es dann zeichnete. "Auf dem Bild stand ein Haus ohne Dach", erzählt Friedrun Huemer. Sie ist Obfrau von "Hemayat", des einzigen Vereins in Wien, der auf psychotherapeutische Betreuung von Menschen, die Folter- und Kriegstraumatisierungen erlitten haben, spezialisiert ist.
Die Zeichnungssammlung von "Hemayat" - der Name kommt aus dem Persischen und Arabischen und bedeutet "Schutz" - ist groß. Manchmal gelingt es besser, mit Bildern das Erlebte darzustellen. "In den Kinderzeichnungen ist oft Krieg: Man sieht explodierende Flugzeuge, die Verletzten. Manchmal entstehen Serien: Angefangen wird beim blutigen Krieg, nach Wochen scheint schon die Sonne und es wachsen auf manchen Zeichnungen Blumen", berichtet Huemer.
700 Personen, vor allem Asylwerber aus mehr als 40 Herkunftsländern, werden hier jährlich betreut. Die Mehrheit kommt aus Tschetschenien, gefolgt von Afghanistan, Georgien, Iran, Irak, Armenien, Somalia. "Bis zu 30 Prozent der Flüchtlinge sind traumatisiert", sagt Huemer. Viele finden den Weg zu "Hemayat". Die Psychotherapie ist für sie kostenfrei, die Anfrage groß. Auf der Warteliste stehen derzeit 170 Erwachsene und 30 Kinder.
Das Beratungsteam besteht aus 20 Psychologen, zwei Shiatsu-Praktikern, zwei Psychiatern und einem Nuklearmediziner. Die Therapiemaßnahmen reichen von Kriseninterventionen bis zu Langzeittherapien. 25 Dolmetscher übersetzen aus 15 Sprachen, darunter Kurdisch, Mongolisch, Aramäisch, Somalisch, Farsi.
"Die neutrale Beziehung zu Therapeuten und Dolmetschern ist wichtig", betont Huemer. Doch das sei bei kleinen Communities wie den Somaliern schwer zu erreichen, weil sich dort alle kennen. "Wenn eine gut integrierte somalische Frau ausfindig gemacht wird, dann dolmetscht sie bei uns, bei Caritas, beim Innenministerium." Es sei aber nicht gut, wenn ein "Hemayat"-Klient seinen Dolmetscher in seinem Bekanntenkreis trifft.
"Unrein" weil vergewaltigt
Therapeuten werden hier täglich mit Krieg, Tod und Leiden konfrontiert, auch mit dem kulturell verschiedenen Umgang mit Opfern von Gewalt. Wenn beispielsweise ein Tschetschene erfährt, dass seine Frau vergewaltigt worden ist, trennt er sich in der Regel von ihr. Der Vater oder der Bruder der Frau müssen sie töten, da sie als "unrein" gilt. Der Gewaltakt wird mit einem Ehebruch gleichgesetzt. "Es gibt grauenhafte Geschichten, etwa wenn das Geheimnis der Frau im Laufe des Verfahrens bekannt wird", erzählt Huemer. Sie verliere dann ihr Ansehen in der Familie - "sie wird als schmutzig angesehen" - und wird von den Kindern getrennt. Huemer empfiehlt in diesem Fall ein eigenes Asylverfahren für die Betroffenen, damit sie nicht in Anwesenheit der Familie über die Vergewaltigung sprechen.
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