• vom 12.12.2011, 18:07 Uhr

Migration


Integration

Flüchtling sucht Familie




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Von Yordanka Weiss

  • "Connecting people" vermittelt unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen Paten
  • Manche finden hier eine neue Familie, mit der sie Weihnachten feiern können.

Fern von der Familie sind immer mehr Flüchtlingskinder.

Fern von der Familie sind immer mehr Flüchtlingskinder.© APA/HELMUT FOHRINGER Fern von der Familie sind immer mehr Flüchtlingskinder.© APA/HELMUT FOHRINGER

Wien. Jedes Jahr suchen an die tausend unbegleitete Jugendliche in Österreich Zuflucht vor Krieg und Verfolgung. Ihre Flucht bedeutet Verlust von Familie, Sprache und Heimat. Um ihre Integration zu erleichtern, stellen sich Österreicher ehrenamtlich als Paten zur Verfügung. Mit deren Ausbildung beschäftigt sich seit zehn Jahren das Projekt "Connecting people".

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"Flucht macht einsam. Wir schaffen Beziehungen", meint Klaus Hofstätter. Er leitet seit drei Jahren die Initiative, die 2011 vom Unterrichtsministerium den Staatspreis für Erwachsenenbildung erhielt. Zumindest einmal wöchentlich sollten die Paten ihr Kind besuchen. "Manche Patenschaften sind distanziert unterstützend, andere enden als Adoption", erzählt Hofstätter. "80 Prozent der Patenschaften laufen über zwei Jahre hinaus."

Der Unternehmensberater Uli Weibel ist überzeugter Pate. Sein erster Versuch gelang aber nicht: "Es gab kein Interesse an einer Beziehung. Der Jugendliche war bereits gut vernetzt und hatte keine Zeit für Treffen." Der Kontakt dauerte nur sechs Wochen. Beim zweiten Mal hat es geklappt: Seit dem Sommer begleitet Weibel einen 18-jährigen Afghanen. "Ich war bereit, mein Familienleben zu verändern", betont Weibel, der selber zwei Kinder hat. Ein Bericht über Integration hat ihn vor drei Jahren dazu bewegt.

Sein Patenkind möchte Krankenpfleger werden und holt gerade den Hauptschulabschluss nach. Weibel hilft ihm bei organisatorischen Dingen, bespricht die Hausaufgaben oder unterstützt ihn finanziell, wenn er sich die Monatskarte nicht leisten kann. "Wir sprechen auch über Umgang mit Geld, da Asylwerber sehr wenig Geld haben", sagt Weibel.

In acht Abenden werden angehende Paten von "Connecting people" in Asyl und Fremdenrecht eingeschult. In der Regel sind sie berufstätig, Akademiker und haben Kinder. Ihre Beweggründe sind vielfältig: Man möchte sich für Jugendliche einsetzen, eine andere Kultur kennenlernen oder ein Zeichen gegen das Fremdenrecht und gegen den Umgang mit Asylwerbern setzen.

"Ich suche hier eine Mama"
Die Geschichte über einen Mann, der seit 13 Jahren in Österreich auf Asyl wartet, hat Frau Wild zur Patenschaft bewegt. Die selbständige Supervisorin und Coach war erstaunt, wie jemand, der sein halbes Leben hier verbracht hat, noch immer Ungewissheit über seine Zukunft haben muss. Seit einem Jahr trifft sie einen 18-jährigen Afghanen und hat "eine mütterliche, fördernde Rolle" übernommen. Sie bewundert den Jugendlichen, der vor einigen Jahren ohne seine Eltern geflohen und sehr selbständig ist. Sie hilft ihm, den Hauptschulabschluss nachzuholen und die Kultur Österreichs und die Sprache kennenzulernen. Sie hat auch viel über Afghanistan erfahren und auch einige Worte auf Dari, eine der Amtssprachen in Afghanistan, gelernt. Ihr Freundeskreis hat das Patenkind sehr gut aufgenommen. Frau Wild wünscht sich, dass die entstandene Beziehung nicht endet.

Dies ist auch das Ziel der meisten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die sich auf Patensuche begeben, weil sie sich allein und einsam fühlen. "Mir hat ein junger Somali mitgeteilt: Ich suche hier eine Mama", erinnert sich Klaus Hofstätter. Die Hälfte der Jugendlichen, die ihn kontaktieren, kommt aus Afghanistan, der Rest aus Afrika und Asien.

Einer von denen ist Romal Habib. Der 22-Jährige ist seit drei Jahren in Österreich und hat bereits seine Lehrabschlussprüfung geschafft. Er möchte Metallbearbeitungstechniker werden. Seine Französisch-Lehrerin wurde schnell zu seiner Patin. Romal kennt ihre zwei Kinder und ihre Eltern, mit denen er Weihnachten verbringt. "Ich habe eine neue Familie gefunden", freut er sich. Er geht mir seiner Patenfamilie gemeinsam ins Kino und bekommt auch sonst Hilfe, etwa bei der Übersiedlung von Wiener Neustadt nach Wien.

"Bin total zufrieden", sagt auch Ali Mokhtarzada. Der 17-Jährige ist in Afghanistan geboren und wuchs im Iran auf. Er ist seit zwei Jahren in Wien, lebt in einer Einrichtung der Caritas für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und besucht abends eine Handelsakademie. Vor einem Jahr wurde ihm eine Patenschaft vermittelt: "Wir gehen spazieren und wandern, Kaffee trinken oder ins Kino." Er bekommt Hilfe bei der Berufsorientierung. Sein Pate kommt aus dem kaufmännischen Bereich, wo Ali sich gerne beruflich entwickeln möchte.




Schlagwörter

Integration, Flüchtlinge

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Dokument erstellt am 2011-12-12 18:14:06


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