Wien.Zum Zehn-Jahres-Jubiläum von "connecting people" ist ein Band mit literarischen und fotografischen Porträts von jugendlichen Flüchtlingen und ihren Paten erschienen. Viele sind erst 14 Jahre alt, Halb- oder Vollwaisen, schwer traumatisiert, weil zu Hause Krieg herrscht oder weil sie mit ansehen mussten, wie ihre Eltern getötet wurden. Verwandte investieren mehrere tausend Euro und vertrauen die Jugendlichen Schleppern an - in der Hoffnung, dass diese sie nach Europa bringen.
Aus Afghanistan, China, Nigeria oder Somalia gelangen auf diese Art viele Kinder in den reichen Westen, nach einer Odyssee via Lkw-Versteck und stundenlanger Schlauchboot-Überfahrt auf unruhiger See. Damit die jungen Flüchtlinge in Österreich nicht auf sich alleine gestellt und in Heimen untergebracht werden, initiierte Heinz Fronek von der "asylkoordination" vor zehn Jahren das Projekt "connecting people". Es vermittelt erwachsene Bezugspersonen als Paten für die geflohenen Kinder, damit diese in Familien aufgenommen werden und hier andocken können. So hat "connecting people" bisher rund 250 Patenschaften vermittelt.
Im neuen Buch werden die Patenfamilien und die angenommenen Jugendlichen porträtiert. Der Band "Well. Come!" versammelt neun Porträts von acht Autorinnen, darunter Marlene Streeruwitz, Julya Rabinowitsch, Lydia Mischkulnig und die Journalistinnen Nina Horaczek ("Falter") und Edith Meinhart ("Profil"), sowie von Vladimir Vertlib. Die Fotografin Michaela Bruckmüller hat die Porträtierten stimmig in Szene gesetzt. Einfühlsam skizzieren die neun schreibenden Federn sowohl die jungen Flüchtlinge als auch die österreichischen Paten und ihre jeweiligen Empfindungen. Beide Seiten lassen sehr tief in die Seele blicken.
"Das Herz in Afghanistan, die Heimat ist Österreich"
Der junge Golam aus Afghanistan hat zum Beispiel in Österreich inzwischen eine Lehrstelle als Friseur gefunden. Als er seine Heimat verließ, war er noch sehr klein. Er kann sich nicht an die Schrecken des Krieges erinnern, "nur der gewaltsame Tod seines Vaters wird ihm in ewiger Erinnerung bleiben", schreibt Zdenka Becker. "Trotz allem ist sein Herz in Afghanistan, aber seine neue Heimat ist Österreich."
Österreicher, die eine Patenschaft für einen jungen Flüchtling übernehmen möchten, müssen zuvor einen viermonatigen Vorbereitungskurs absolvieren. Wer danach immer noch zu dem Schritt bereit ist, bekommt ein Patenkind vermittelt; bei mehreren Treffen nähert man sich langsam an.
Es sei nicht so einfach, eine Beziehung zu jemandem aufzubauen, der viel Schlimmes erlebt hat und einen zu Beginn nicht einmal versteht. Da brauche es Geduld, Einfühlungsvermögen und immer wieder auch eine gewisse Frustrationstoleranz, erzählen etwa Maria und Attila Kovacs. Das Wiener Pensionistenehepaar hat in den vergangenen Jahren zwei Burschen aus Afghanistan bei sich aufgenommen - und adoptiert. Nur durch die auch juristisch vollzogene Adoption konnten sie nämlich eine drohende Abschiebung der jungen Männer trotz mehrjährigen Aufenthalts in Österreich verhindern.
Denn gemeinsam ist den Paten, dass sie nicht herumsitzen und jammern, sondern lieber gleich nach Lösungen suchen. Die angenommenen jungen Menschen können sich auf ihre Patenfamilie verlassen. Vom Staat ist wenig Hilfe zu erwarten - mit dieser widersprüchlichen Erfahrung lernen die Flüchtlinge zu leben. Wer sich um die Behördenwege, den Deutschkurs oder den Job für den Schützling kümmert, wird dann plötzlich auch "Mama" genannt. Und dass bei einer Diplomfeier in Wien Suren aus dem Koran gesungen werden, kommt ebenfalls vor. Dass die Patenschaften die Völkerverständigung und die Bereicherung der Kulturen fördern, ist ein schöner Nebeneffekt, den der Band aufzeigt. "Aus vielen Patenschaften sind Partnerschaften geworden und die Jugendlichen konnten trotz vieler Hindernisse in Österreich ankommen", betont der Verlag.
Zahlen sind verlässlich. Sie vermitteln ein Gefühl der Sicherheit, der Wahrheit, der Objektivität. Doch sie sind nicht einfach neutral...
weiter
"Man hat mich mit elektrischen Kabeln geschlagen, wovon ich heute noch Spuren habe. Mein ganzer Körper war eine einzige Wunde...
weiter
Wien. Der Name ist Programm: "Grenzenlos kicken" hat das Ziel, ein lautstarke Zeichen gegen die Ausgrenzung von Menschen in Not zu setzen...
weiter