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Update: 05.04.2012, 12:45 Uhr
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Von verlorener Heimat und der Suche nach einer neuen


Von Stefan Beig

  • 25 Asylsuchende erzählen ihre Lebensgeschichten in einem neuen Buch.

Wien. Man erfährt und möchte noch mehr erfahren, aber nicht alles wird erzählt. Ein Ausländer ohne Zuhause und Ausweise, immer auf der Suche nach Heimat und Freiheit, das ist Abdul Rahman Kakars sein ganzes Leben lang. Der Afghane ist wenige Monate alt, als sein Vater 1980 im Krieg gegen die Russen umgebracht wird. Gemeinsam mit seiner Mutter und den drei Geschwistern verbringt er die nächsten zwölf Jahre in Peshawar (Pakistan). Als die Russen abziehen, kehrt die Familie voll Hoffnung zurück - und wird vom Bürgerkrieg erneuert vertrieben.

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So geht Kakars’ Leben weiter: Ohne Dokumente in Pakistan, später im Iran, dann wieder in Pakistan ist er immer der Willkür der Polizei ausgesetzt. Schließlich wird er EDV-Experte, heiratet, lebt wieder in Afghanistan, das er aber endgültig verlassen muss, als ihn eine politische Gruppierung permanent bedroht. Sein jüngster Sohn ist gerade eine Woche alt, als er flieht. Eine abenteuerliche, dreimonatige Reise führt ihn nach Österreich.

Teils unglaubliche, teils einfach nur menschlich-familiäre Geschichten von 25 Asylsuchenden werden in dem Buch "Dorthin kann ich nicht zurück" erzählt. Einige Flüchtlinge schwelgen in Erinnerungen an eine als idyllisch empfundene Kindheit. Mahmud Qasami, der wie Abdul Rahman Kakars aus Afghanistan kommt, kann sich noch an eine Zeit vor den Russen, vor den Amerikanern und vor den Mujaheddin erinnern, als niemand eine Waffe getragen hat. Wehmütig denkt er an den großen Garten mit Obstbäumen und Gemüse zurück, den sein Vater, ein Bauer, bewirtschaftet hat. Der Krieg hat alles zerstört. In Greifenstein, wo Qasemi jetzt lebt, hat er ein eigenes Gemüsebeet angelegt, das erinnert ihn an seine Kindheit.

Ngoyi Ndonda aus dem Kongo hilft bei der Dreikönigsaktion mit - ganz ohne Schminke. Er ist ausgebildeter Fluglotse und hat daheim Luftfahrtechnik studiert. Als außerordentlicher Hörer darf er in Wien Informatik studieren. Bei der Anmeldung unterstützt ihn Elisabeth Satanik, die ihn vorher in einem Deutschkurs unterrichtet hat. Sie übersetzt auch Briefe des Bundesasylamts für Ndonda. "Ich spüre jetzt, dass ich eine Familie in Österreich habe", sagt er zu ihr. Er will Satanik nicht enttäuschen und besteht tatsächlich alle Prüfungen mit Erfolg. Daneben hilft er auch einer Familie im Haushalt und verrichtet so viel Arbeit, wie es ihm als Asylwerber halt erlaubt ist.

Zwei Dinge belasten Ngoyi Ndonda: zum einen die Erinnerungen an die Familie und an die Flucht aus seiner Heimat, wo er zur geistigen Elite gehört hat. Sein Einsatz für Gerechtigkeit bei einer Befreiungsbewegung hätte ihn beinahe das Leben gekostet. Zehn Tage verbrachte er unter Schlafentzug mit hohem Fieber und häufigen Schlägen ausgesetzt im Gefängnis. Ndonda landet auf der Todesliste, doch sein Onkel bezahlt viel Geld für ihn, und so wird er als Einziger seiner Gefährten nicht erschossen. Der Zufall führt ihn nach Österreich.

Ein neues Zuhause?
Belastend ist für Ndonda auch das Warten auf einen positiven Asylbescheid - den er nach 16 Monaten schließlich bekommt. Bei den weiteren mühseligen Behördenwegen unterstützt ihn wieder Elisabeth Satanik. Sie hat auch seine Geschichte in diesem bemerkenswerten Buch festgehalten.

Die Herausgeber des Buchs leben in der Nähe eines Flüchtlingsheims in Niederösterreich. Zu den dort untergebrachten Menschen entstand nach anfänglichem Zögern ein immer intensiver werdender Kontakt. "Man traf sich zum Singen, zum Handwerken, zum Malen und zum Deutschlernen", berichtet Ursula Sova. Die Autoren dieses 206 Seiten langen Buchs haben den Asylsuchenden beim Erzählen zugehört. Nicht alles wollten sie Flüchtlinge preisgeben. Doch alles, was sie erzählen, lässt einen nicht kalt.

"Ich kam nach Österreich, um eine neue Heimat zu finden, in der ich in Frieden und in Sicherheit mit meiner Familie leben kann", hält der so lange heimatlose Abdul Rahman Kakars fest. "Bin ich hier ein Ausländer oder bin ich’s nicht?", fragt er sich. "Ich fühle mich akzeptiert, wie ich bin, in meiner Arbeit, mit meinen Freunden, im Leben. Doch wenn ich die politischen Debatten verfolge, frage ich mich: Wird das so bleiben?"


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Schlagwörter

Asyl, Flüchtling

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-04 17:02:02
Letzte Änderung am 2012-04-05 12:45:57


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