
Wien. Alles begann mit den Erzählungen der Großmutter. Mit der Tochter hatte sie kaum über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit gesprochen, doch bei Kaffee und Gugelhupf mit der Enkelin ließ sie ihren Erinnerungen freien Lauf. Diana Gregor begann sich die Geschichten, Daten, Namen zu notieren und wusste: Daraus würde einmal mehr. 2007 war ihre Dissertation mit dem Titel "Sprache und Heimat" fertig. Zu Wort kamen neben der schon sehr betagten Großmutter, die bis zum NS-Terror im Burgenland gelebt hatte, vor allem zurückgekehrte österreichische Juden, die sich stark über Sprache definierten: etwa Arik Brauer, Gerhard Bronner und Otto Taussig - Letztere beiden inzwischen verstorben.
Einige Zeit nach Fertigstellung der Dissertation lernte Gregor beim Österreichischen Kulturforum in New York einen älteren Herrn kennen, der bei jeder Veranstaltung in der ersten Reihe saß: Kurt Sonnenfeld (87). Er wollte eigentlich nie weg aus Wien. Hier hat er "eine wunderbare Kindheit" verlebt. Doch dann kamen die Nazis - und die Flucht begann. Bis heute hat sich Sonnenfeld nicht wirklich von Österreich gelöst. 1985 kam er erstmals wieder auf Besuch. "Die erste Reise nach Wien löste in mir eine Emotion des Wiederverbundenseins mit meiner Heimat aus. Es waren wunderschöne Gefühle. Abends sind wir beim Heurigen gesessen. Die alten Wienerlieder und die dazugehörige Musik haben mich zu Tränen gerührt", erzählte er Gregor.

In New York kam die junge Wienerin mit zehn Wiener Juden ins Gespräch, die sich in die USA retten hatten können. Was sie interessierte: was diese Menschen mit Heimat verbinden, wie sie sich an Österreich erinnern, wie sie ihre Flucht und ihre Ankunft in den USA in Erinnerung behalten haben. Zu den Interviews begleitet hat sie der Fotograf David Plakke. In der iPhone- und iPad-Gratis-App Heim.at.home führte Gregor Texte, Fotoporträts sowie kurze Videosequenzen zusammen und gestaltete eine moderne, elektronische Collage zu einem traditionellen Begriff: Heimat.
Und was ist für Gregor persönlich Heimat? "Ich glaube, Familie. Heimat ist dort, wo meine Familie ist, meine Eltern, meine Schwester und ihre Kinder."
App als Grundlage für Buch
Hans Weiss (89) kam im Alter von 17 Jahren in die USA. "Die Austro-American Youth - das war mein Leben. Wir haben unsere gesamte Freizeit miteinander verbracht. Jedes Wochenende, jeden Abend. Wir sind zusammen durch die Straßen von New York gezogen. Wir waren Wiener im Big Apple." Auf einem der Fotos von David Plakke streckt Weiss, auch "Hawei" genannt, in Albert-Einstein-Manier frech die Zunge heraus. Das Bild ziert nun das Cover des Buches "Heim.at.home" (Metroverlag), das Gregor auf Basis der App geschrieben hat. Weiss reist für die Präsentation des Bandes kommenden Montag im Ringturm sogar nach Wien an, wird aber nur kurz bleiben: Seine Frau ist inzwischen schwer krank, er lässt sie ungerne alleine.
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