• vom 14.11.2014, 14:00 Uhr

Geschichten

Update: 14.11.2014, 15:01 Uhr

Neuseeland

Wie kam der Kiwi nach Neuseeland?




  • Artikel
  • Lesenswert (9)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Tom Appleton

  • Der flugunfähige, nachtblinde Vogel gibt bis heute Rätsel auf: Er kann weder geflogen noch geschwommen sein.

Die Kiwi hat nur indirekt mit dem Kiwi zu tun.

Die Kiwi hat nur indirekt mit dem Kiwi zu tun.© Appleton Die Kiwi hat nur indirekt mit dem Kiwi zu tun.© Appleton

Im Deutschen beginnen die Merkwürdigkeiten schon beim Namen, hat das Wort "Kiwi" doch ein grammatikalisches Doppelgeschlecht. Die Kiwi ist die Frucht, der Kiwi ist der Vogel. Den gibt es schon eindeutig länger, nämlich seit rund 50 Millionen Jahren. Die Kiwi-Frucht erschien unter dieser Bezeichnung erst um 1970 auf dem Markt. Vorher nannte man sie noch "Chinese gooseberry" ("chinesische Stachelbeere"). Sie ist also eine Kulturpflanze, die es in ihrer früheren, "haarigen" Gestalt auch auf ein paar tausend Jahre brachte, bevor die Neuseeländer ihr ein glattes, marktgängigeres Äußeres verpassten.

Der Vogel, um den es hier in erster Linie gehen soll, hat etwa die Statur eines großen Huhns, legt aber nur einmal im Jahr ein Ei, das dann wiederum so groß ist wie zwölf Hühnereier zusammen. Es ist - im Vergleich zur Körpergröße des Tieres - das größte Ei, das ein Vogel auf der gesamten Welt legt. In den letzten Tagen vor dem Legen ist die Henne so prall, dass sie praktisch keinen Bissen mehr hinunterkriegt, obwohl sie bereits knapp vor dem Hungertod steht. Wenn das Ei endlich da ist, muss sie sofort los, um Futter zu finden. Deswegen muss der "Gatte" an diesem Punkt das Bebrüten übernehmen, sonst wird es nichts mit dem Nachwuchs.

Werbung

Kurioses Tier als Logo

Als Logo ist der Kiwi sehr beliebt.

Als Logo ist der Kiwi sehr beliebt.© Appleton Als Logo ist der Kiwi sehr beliebt.© Appleton

Der Kiwi ist flugunfähig und nachtaktiv, besitzt aber, anders als andere typische Nachttiere, keine Leuchtaugen mit einem tapetum lucidum hinter der Netzhaut - er hat stattdessen nur kleine schwache Maulwurfsaugen. Der Kiwi ist praktisch nachtblind.

Sein langer Schnabel ist dafür mit Nasenlöchern an der Spitze ausgerüstet, dazu kommen noch kleine schnurrbartartige Sensoren in Form von Federn. Der Kiwi wühlt im Schutz der Dunkelheit im Erdreich nach Insekten. Das auf Lebenszeit vereinte Paar bleibt im Dunkeln durch ständige subaurale Töne miteinander in Funkkontakt; nähert sich ein Feind, knurrt der Kiwi wie ein Hund.

Das kuriose Tier bot sich, da auf der Welt einzigartig, als Logo für unzählige Produkte an, wie etwa für eine Schuhcreme-Marke oder die KiWi-Taschenbücher des Verlags Kiepenheuer & Witsch, und sogar die Neuseeländer selber bezeichnen sich als "Kiwis". Von daher bezog die Frucht ihren Namen, weil sie in Neuseeland angebaut und vermarktet wurde -- und nicht etwa, weil sie dem Vogel so ähnlich gesehen hätte.

Der Kiwi als Wappentier der Neuseeländer und als internationales korporatives Logo war auch deswegen so beliebt, weil das Tier als eine Art Urvogel galt, als ein lebendes Fossil aus Gondwanaland, jenem paläogeographischen Superkontinent der Südhalbkugel, der später in seine Bestandteile Australien, Neuseeland, Papua-Neuguinea, Neukaledonien, den Südzipfel von Südamerika und die antarktische Kontinentalplatte zerfiel. In Neuseeland, diesem Land der Einwanderer - denn auch die Maori, die sogenannten Ureinwohner, trafen erst vor 750 Jahren hier ein -, galt der Kiwi als einziges Lebewesen als echt autochthon, als der ursprüngliche Bewohner, der immer schon hier war.

Doch weit gefehlt. Bereits 1992 konnte Alan Cooper, damals noch ein Doktorand an der Victoria University von Wellington, Neuseeland, nachweisen, dass auch der Kiwi ein Einwanderer war.

Die größte genetische Übereinstimmung ergab sich, dieser Studie zufolge, zum australischen Emu und zum papuanischen Kasuar. Beides ebenfalls flugunfähige Laufvögel, aber beträchtlich größer. Was die Vermutung nahe legte, dass der Kiwi ebenfalls einst größer gewesen, aber seither um rund 75 Prozent geschrumpft war. Sein Ei dagegen behielt 85 Prozent seiner ursprünglichen Größe. Der ausgestorbene Moa von Neuseeland, der größte Straußenvogel aller Zeiten, erwies sich im Kontrast dazu als mit dem Kiwi nur entfernt verwandt; beide entstammen verschiedenen Familien.

Es war dies eine hochkarätige Studie, bei der internationale Prominenz mitgearbeitet hatte, darunter der Paläogenetiker Svantee Pääbo und Allan Wilson, der Begründer der "Out of Africa"-These, wonach alle modernen Menschen von einer afrikanischen Urmutter abstammen. Dennoch verursachte die Arbeit in Neuseeland keinen hohen Wellengang. Man wollte sich den Kiwi-Mythos nicht von Genetikern zerstören lassen.

Dabei hatte Neuseeland immer schon einen wirklich echten Ureinwohner, den Tuatara, eine katzengroße Urechse, die es lange vor den Dinosauriern gegeben hat, und die es seit deren Verschwinden ebenso lange wieder und immer noch gibt, und die auch allen Anstürmen der seither eingedrungenen Frettchen, Ratten und verwilderten Katzen widerstehen konnte. Aber der Kiwi war natürlich schnuckeliger. Der Tuatara erinnert eher an Godzilla.

Mittlerweile sind 22 Jahre vergangen, und Alan Cooper ist nun selbst Genetik-Professor in Ade-laide, Australien. Kürzlich legte er ein neues Paper vor, wonach der Kiwi die größte genetische Übereinstimmung mit dem ausgestorbenen Elefantenvogel von Madagaskar aufweist. Die DNA-Analyse basierte auch in diesem Fall auf Paläo-Material. Der Elefantenvogel war noch größer und dicker als der Moa gewesen. Seine riesigen Fleischmengen trugen ursächlich zu seiner Ausrottung durch den Menschen bei. Auch er war, wie der Kiwi, flugunfähig.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2014-11-13 16:38:09
Letzte ─nderung am 2014-11-14 15:01:27



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Heimat ist ein gefährlicher Begriff"
  2. Zwischen Schuld und Tapferkeit
  3. "Postmoderne ist die zeitgemäße Aufklärung"
  4. Tradition des Austauschs
Meistkommentiert
  1. "Heimat ist ein gefährlicher Begriff"
  2. "Postmoderne ist die zeitgemäße Aufklärung"

Werbung




Werbung


Werbung